
Obstplatz und Neptunbrunnen in Bozen
Wo einst ein mittelalterlicher Graben die Stadt teilte, floriert seit über sieben Jahrhunderten Bozens lebendigster Markt. Der Obstplatz, auf Italienisch Piazza delle Erbe, zieht sich als langgestreckter, leicht geschwungener Platz durch das Herz der Bozner Altstadt. In seinem Zentrum steht der 1777 errichtete Neptunbrunnen. Entworfen von Georg Mayr und von Joachim Reiss in Bronze gegossen, zeigt das Denkmal den Meeresgott flankiert von drei Delfinen auf einem Marmorsockel über bronzenen Muschelbecken.
Ein mittelalterlicher Markt im Wandel
Die Ursprünge des Marktes reichen bis ins Jahr 1277 zurück, als Graf Meinhard II. von Tirol Teile der mittelalterlichen Stadtmauer schleifen und den Graben zuschütten ließ. So entstand ein neues wirtschaftliches Zentrum in direkter Konkurrenz zum Kornplatz, der von den Trienter Fürstbischöfen kontrolliert wurde. Bereits 1295 wurde das Areal urkundlich als Marktplatz erwähnt. Heute bildet der Platz den westlichen Abschluss der mittelalterlichen Lauben und fungiert als Fußgängerzone, die das historische Handelszentrum mit dem modernen Museumsquartier und den Talferpromenaden verbindet.
Vom Pranger zur öffentlichen Gesundheit
Bevor der Neptunbrunnen den Platz schmückte, diente dieser Ort einem weitaus düstereren Zweck: Von 1578 bis ins späte 18. Jahrhundert stand hier ein Pranger, an dem Kriminelle und zahlungsunfähige Schuldner öffentlich zur Schau gestellt wurden. 1777 ersetzte die Stadtverwaltung den Schandpfahl durch Bozens einzigen Monumentalbrunnen des 18. Jahrhunderts. Dieses Projekt sollte die städtische Hygiene verbessern und den Marktleuten sowie den Anwohnern eine verlässliche Trinkwasserversorgung bieten.
Der Gabelwirt
Früher war der Platz dicht gesäumt von Tavernen und Gasthäusern. Dieses Umfeld brachte der Neptunstatue ihren bis heute beliebten Spitznamen ein: der „Gabelwirt“. Die Bozner witzelten, der Meeresgott sei in Wahrheit ein Gastwirt, der eine riesige Fleischgabel hält, um Siedfleisch aufzutischen. Ganz in der Nähe erinnert an der Ecke zur Museumstraße eine Gedenktafel an den einstigen Gasthof „Zur Sonne“ (Al Sole), in dem schon Kaiser Joseph II., der Philosoph Johann Gottfried Herder und Johann Wolfgang von Goethe auf seinen italienischen Reisen einkehrten.
Ein lebendiger Treffpunkt für Genießer
Bis heute setzt der Obstplatz seine Tradition als lebendiger Freiluftmarkt fort: Von Montag bis Samstagvormittag bieten Händler unter den typischen grünen Marktständen frische regionale Produkte, Blumen und Südtiroler Spezialitäten an. In den Herbst- und Wintermonaten füllt sich der Platz mit dem Duft von gerösteten Kastanien und heißem, gewürztem Glühwein. Auch die umliegenden Cafés, Weinbars und Bistros machen ihn den ganzen Tag über zu einem lebhaften Treffpunkt. Bemerkenswert: Selbst bei eisigen Wintertemperaturen bleibt der Neptunbrunnen meist in Betrieb. Diese Tradition stammt aus einer Zeit, als die Marktleute vollständig auf sein Wasser als einzige fließende Trinkwasserquelle angewiesen waren.
FAQ
Wann wurde der Neptunbrunnen in Bozen erbaut?
Der Neptunbrunnen wurde 1777 als Ersatz für einen Pranger errichtet, um die städtische Hygiene zu verbessern und den Markt mit frischem Trinkwasser zu versorgen.
Warum trägt der Neptunbrunnen den Spitznamen „Gabelwirt“?
Weil der Obstplatz früher von vielen Gasthäusern umgeben war, behaupteten die Einheimischen scherzhaft, die Neptunstatue sei ein Wirt, der eine riesige Fleischgabel hält, um Siedfleisch zu servieren.
An welchen Tagen hat der Markt auf dem Obstplatz geöffnet?
Der Freiluftmarkt ist von Montag bis Freitag ganztägig sowie samstags am Vormittag geöffnet. An Sonn- und Feiertagen bleibt er geschlossen.



