
Historisches Ghetto Ebraico in Ferrara, Italien
Ein Spaziergang durch die historische Via Vignatagliata offenbart die unscheinbaren, aber geschichtsträchtigen Fassaden des Ghetto Ebraico, in denen Jahrhunderte jüdischer Geschichte lebendig geblieben sind. Direkt südlich der Piazza Trento e Trieste gelegen, bildet das ehemalige jüdische Ghetto ein unverzichtbares Bindeglied im UNESCO-geschützten Altstadtkern von Ferrara. Das Viertel erstreckt sich über ein historisches Straßenviereck, das vor allem aus der Via Mazzini, der Via Vignatagliata, der Via della Vittoria und der Piazzetta Isacco Lampronti besteht. Wer die Weite des Domplatzes verlässt und in diese schmalen, schattigen Gassen eintaucht, blickt auf ein durchgehendes Ensemble aus unverputztem Terrakotta-Backstein.
Vom sicheren Hafen zum Gefängnis
Im 15. und 16. Jahrhundert machten die Herzöge von Este Ferrara zu einem sicheren Zufluchtsort für jüdische Menschen, die vor Verfolgung flohen. Die Gemeinde wuchs auf rund 2.000 Mitglieder an und florierte. Doch diese Ära der Toleranz endete jäh, als Herzog Alfonso II. 1597 kinderlos starb und Ferrara wieder unter die Verwaltung des Kirchenstaats fiel. Hinter fünf schweren Toren verwandelte sich die blühende Renaissance-Oase über Nacht in ein ummauertes Gefängnis. Zwischen 1624 und 1627 riegelten die päpstlichen Behörden das Ghetto offiziell ab. Die fünf Tore, die das Viertel vom Rest der Stadt trennten, wurden bei Sonnenuntergang streng verriegelt und erst bei Sonnenaufgang wieder geöffnet.
Historische Schauplätze und verborgene Geschichten
Die Hauptader des Viertels, die Via Mazzini, hieß ursprünglich Via dei Sabbioni (Straße des Sandes), weil man die unbefestigte Straße für öffentliche Wagenrennen und bei Regenwetter mit reichlich Sand aufschüttete. In der Via Mazzini 95 beherbergte der Synagogenkomplex einst drei verschiedene Gotteshäuser in einem Gebäude, das der römisch-jüdische Bankier Ser Samuel Melli 1485 gestiftet hatte.
Während der päpstlichen Herrschaft wurden die Bewohner gezwungen, an Bekehrungspredigten teilzunehmen. Diese hielt man ganz gezielt im Oratorium San Crispino ab, das direkt am Ghettotor an der Piazza Trento e Trieste lag. So sollte die jüdische Gemeinde vor den Übergriffen feindseliger Menschenmengen geschützt werden, die ihnen auf dem sonst fälligen Weg zur Kapelle des Herzogspalasts gedroht hätten.
Die Ära des Faschismus und Giorgio Bassani
Napoleons Truppen öffneten die Tore des Ghettos 1796 zwar vorübergehend, doch endgültig fiel die Abriegelung erst 1859, als Ferrara Teil des Königreichs Sardinien wurde, aus dem später Italien hervorging. 1938 kehrte die Ausgrenzung mit den faschistischen Rassengesetzen jedoch mit voller Härte zurück. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die jüdische Schule in der Via Vignatagliata 33 zu einem lebenswichtigen Zufluchtsort im Untergrund für Lehrkräfte und Kinder, die aus öffentlichen Schulen verbannt worden waren. Hier unterrichtete auch der Schriftsteller Giorgio Bassani, der das Viertel und seine Kriegstragödien später in literarischen Meisterwerken wie „Die Gärten der Finzi-Contini“ verewigte.
Das Ghetto Ebraico heute
Heute ist die Via Mazzini eine belebte Fußgängerzone mit vielen Boutiquen, während die Via Vignatagliata und die Via della Vittoria ruhige Wohnstraßen geblieben sind, geprägt von kunstvollen Schmiedeeisenbalkonen und dezenten Rundbogenportalen. Das Haus in der Via Mazzini 95 dient der jüdischen Gemeinde von Ferrara bis heute als offizieller Sitz.
Über das gesamte Viertel verteilt erinnern Gedenktafeln und im Pflaster eingelassene Stolpersteine (pietre d'inciampo) aus polierter Bronze an die Opfer des Holocaust. Eine überraschende Entdeckung birgt das ganz in der Nähe gelegene Denkmal von Herzog Borso d'Este vor dem Dom: Bei Restaurierungsarbeiten im Jahr 1960 stellte sich heraus, dass die tragende Säule aus rosa und weißem Marmor im 18. Jahrhundert heimlich mit Grabsteinen repariert worden war. Die päpstlichen Behörden hatten sie vom jüdischen Friedhof beschlagnahmt, die hebräischen Grabinschriften waren auf den Innenseiten der Blöcke verborgen.
FAQ
Wo befindet sich das Ghetto Ebraico in Ferrara?
Das ehemalige Ghetto liegt direkt südlich der Piazza Trento e Trieste im historischen Stadtzentrum und erstreckt sich über die Via Mazzini, die Via Vignatagliata, die Via della Vittoria und die Piazzetta Isacco Lampronti.
Wann wurde das jüdische Ghetto in Ferrara errichtet?
Das Ghetto wurde zwischen 1624 und 1627 von den päpstlichen Behörden eingerichtet. Fünf Tore riegelten das Viertel ab, die bis zur endgültigen Aufhebung des Ghettos im Jahr 1859 bei Sonnenuntergang verschlossen und bei Sonnenaufgang wieder geöffnet wurden.
Sind die Synagogen im Ghetto von Ferrara noch aktiv?
Ja, der historische Synagogenkomplex in der Via Mazzini 95 dient der jüdischen Gemeinde von Ferrara nach wie vor als aktives Zentrum.



