
Casa Cazuffi - Rella: Trients bemalte Renaissance-Fassaden
Genau an der Ecke zwischen der Piazza del Duomo und der Via Rodolfo Belenzani prägen die Casa Cazuffi und die Casa Rella das Gesicht Trients als Paradebeispiel einer „bemalten Stadt“ der norditalienischen Renaissance. Die beiden aneinandergrenzenden Gebäude aus dem 16. Jahrhundert sind berühmt für ihre aufwendigen Außenfresken, die sich wie eine moralische Lehrschrift unter freiem Himmel über den Platz erstrecken. Bis heute pulsiert hier das Stadtleben: In den oberen Stockwerken liegen Privatwohnungen, während sich unter den Erdgeschossarkaden geschäftige Läden und Cafés aneinanderreihen.
Die Vision einer bemalten Stadt
Die prachtvollen Fassaden verdanken wir einer groß angelegten Verschönerungswelle, die Fürstbischof Bernardo Clesio im frühen 16. Jahrhundert anstieß. Sein Ziel: Trient sollte sich für die internationalen Gesandten des Trienter Konzils in eine glanzvolle Renaissance-Bühne verwandeln.
Ganz im Sinne dieser Vision modernisierte Dr. Tommaso Cazuffi, ein einflussreicher Kaufmann und Stadtpolitiker, zwischen 1531 und 1540 die älteren mittelalterlichen Bauten seiner Familie. Er ließ im Erdgeschoss eine Arkadenreihe mit massiven Pfeilern und gedrückten Bögen errichten, über der drei Wohngeschosse mit einbogigen Fenstern und Balkonen emporragen.
Allegorien und Gesellschaftskritik
Die oberen Stockwerke beider Häuser sind mit Chiaroscuro-Fresken überzogen, die von den Emblembüchern der Renaissance inspiriert wurden, allen voran Andrea Alciatis Emblematum liber. Statt frommer Andachtsbilder gibt es hier unverblümte Gesellschaftskritik zu sehen: Lateinische Moralsprüche warnen die Bürgerschaft vor hinterhältigen Nachbarn, verdammen die Habgier und nehmen reiche Bürger aufs Korn, denen jede Tugend fehlt.
Ursprünglich hoben sich die monochromen Gestalten von einem leuchtenden Hintergrund aus Azuritblau ab. Doch im Laufe der Jahrhunderte verwitterte das kupferhaltige Pigment und blätterte ab, sodass die Hell-Dunkel-Figuren heute direkt auf dem freiliegenden Putz stehen.
Der flüchtige Maler
Die Fresken an der Casa Cazuffi schuf Marcello Fogolino zwischen 1531 und 1536. Seine Darstellungen zeigen antike Mythen und Allegorien, darunter Fortuna, Nemesis, das Ungeheuer Geryon und das Gastmahl des Damokles. Pikanterweise war Fogolino ein Mann auf der Flucht: Er hatte sich nach Trient abgesetzt, nachdem er im Friaul zusammen mit seinem Bruder in einen Mord verwickelt worden war. Trotz dieser Vorgeschichte sicherte er sich prompt den Schutz und die Gunst von Fürstbischof Bernardo Clesio.
Die benachbarte Casa Rella wurde etwas später bemalt, um 1540, von einem bis heute unbekannten Meister. Ihre Fresken widmen sich Themen wie der Zeit, dem Überfluss, Apollo, den Triumphen der Liebe und der Tugendleiter.
Spuren des Mittelalters
Auch wenn das Renaissance-Facelifting das heutige Erscheinungsbild dominiert, sind die mittelalterlichen Wurzeln der Gebäude nicht völlig verschwunden. Weit oben unter der Dachkante, direkt neben der Kirche Santissima Annunziata, blitzen Reste eines gotischen Frieses aus dem 14. Jahrhundert und ein frühes Wappen der Familie Cazuffi unter dem Putz hervor, ein seltener Blick auf die Vorgängerbauten, die einst an diesem Platz standen.
FAQ
Wer hat die Fresken an der Casa Cazuffi und Casa Rella gemalt?
Die Casa Cazuffi wurde zwischen 1531 und 1536 von Marcello Fogolino bemalt. Pikanterweise war Fogolino nach einer Mordverwicklung auf der Flucht, fand aber dennoch im Fürstbischof Bernardo Clesio einen einflussreichen Förderer. Die Fresken an der Casa Rella kamen etwas später hinzu, um 1540, geschaffen von einem unbekannten Künstler.
Welche Bedeutung steckt hinter den Fassadenmalereien?
Die Chiaroscuro-Fresken dienen nicht der Andacht, sondern als bissige Gesellschaftskritik. Inspiriert von Emblembüchern der Renaissance verspotten die Szenen und ihre lateinischen Wahlsprüche ignorante Reiche und warnen vor zügelloser Gier sowie falschen Nachbarn.
Warum fehlt den Fresken ihr ursprünglicher blauer Hintergrund?
Die Hintergründe waren ursprünglich mit Azurit bemalt, einem leuchtend blauen Kupferkarbonat-Pigment. Über die Jahrhunderte verwitterte dieser Farbstoff und blätterte ab, sodass heute nur noch die monochromen Chiaroscuro-Figuren auf dem blanken Putz zu sehen sind.



