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Dukatenscheißer Goslar: mittelalterliche Figur und Legenden

Barcelona, Spain

An der Nordostecke der geschichtsträchtigen Kaiserworth in Goslar sitzt eines der wohl eigenwilligsten architektonischen Details des Spätmittelalters: der Dukatenscheißer. Die 1494 geschaffene spätgotische Konsolfigur aus Holz und Stein zeigt einen kauernden Mann mit heruntergelassener Hose, der sich an eine gewundene Steinsäule klammert und aus seinem blanken Hintern Goldmünzen presst.

Am Gebäude am Marktplatz 3 dient die Figur als äußere Eckkonsole und ist vom Straßenpflaster aus frei zu sehen. Auch wenn ausländische Reisende das Motiv gelegentlich mit der katalanischen Tradition des Caganer verwechseln: Der Dukatenscheißer ist ein waschechtes Stück niedersächsischer Stadtgeschichte.

Zunftreichtum und gotische Satire

Im späten 15. Jahrhundert schwamm die Freie Reichsstadt Goslar förmlich im Geld, beflügelt durch die reichen Silber-, Kupfer- und Bleivorkommen am nahen Rammelsberg. Die Goslarer Tuchhändler (Wandschneider) bauten die Kaiserworth als opulentes Gildehaus und schmückten die Fassade mit Kaiserstandbildern und allegorischen Figuren, um ihren bürgerlichen Rang unübersehbar zur Schau zu stellen.

Direkt über dem Dukatenscheißer thront eine Statue der Abundantia, der römischen Göttin des Überflusses und der Ernte. Dieses bauliche Gespann stellt hehre antike Allegorie und derben nordeuropäischen Fäkalhumor ganz bewusst nebeneinander. Historiker deuten die Figur zu Füßen der Abundantia als ironischen Seitenhieb auf den frühneuzeitlichen Handelskapitalismus, maßlose Geldgeschäfte und den Tagtraum, Reichtum ließe sich mühelos aus dem Nichts schöpfen.

Der Schandritus des Butarschens

Hinter der künstlerischen Satire verbirgt sich jedoch noch mehr: Die Überlieferung bringt das Relief mit einem handfesten Brauch für zahlungsunfähige Schuldner in Verbindung, dem sogenannten Butarschen (oder Bottarschen). Rund 90 Zentimeter unter der Figur ragt ein schräg gestellter Steinquader aus der Mauer.

Wer die Kredite der Gilde nicht mehr bedienen konnte, musste genau hier zu einer offiziellen Schandzeremonie antreten. Vor versammelter Bürgerschaft hieß es: Taschen nach außen kehren, Hosen runter und das nackte Gesäß fest an den kalten Steinblock unter dem Dukatenscheißer pressen. Diese Demütigung tilgte zwar rein rechtlich die Geldschulden, zog aber einen dauerhaften Ehrverlust nach sich, das bürgerliche Ansehen und der soziale Status waren damit für immer verloren.

Sprachliches Erbe und Symbolik

Dass es sich um ein Strafinstrument handelte, unterstreicht auch die gewundene Säule in den Händen der Figur, die traditionell als Schandpfahl gedeutet wird. Über die Jahrhunderte haben sich die Figur und das Schandritual unauslöschlich in der deutschen Sprache verewigt.

Die Redewendung „die Hosen runterlassen“, im Sinne einer schonungslosen Offenlegung der eigenen Vermögensverhältnisse, wird im Volksmund direkt auf das Butarschen zurückgeführt. Auch der Begriff Dukatenscheißer wanderte als bissige Entgegnung auf maßlose Geldforderungen in die Alltagssprache ab, wenn jemand klarstellen will: „Ich bin doch kein Dukatenscheißer!“

Der Ort heute

1831 wurde das einstige Gildehaus der Tuchhändler zu einem Gasthof umgewandelt. Heute empfängt das Gebäude Gäste als traditionsreiches Hotel Kaiserworth. An der Ecke von Marktplatz und Worthstraße mitten in der Goslarer Altstadt harrt die kleine Figur noch immer auf ihrem angestammten Posten aus und blickt unter der prächtigen roten Fassade und den gotischen Arkaden auf das Pflaster des Marktes hinab.

FAQ

Wo befindet sich der Dukatenscheißer?

Die Figur befindet sich an der Nordostecke der Kaiserworth am Marktplatz 3 im niedersächsischen Goslar.

Was stellt die Figur dar?

Das 1494 geschaffene Werk zeigt einen kauernden Mann mit heruntergelassener Hose, der sich an eine gewundene Säule klammert und aus seinem blanken Hintern Golddukaten ausscheidet, platziert direkt unter einer Statue der römischen Göttin Abundantia.

Was war das Ritual des Butarschens?

Es war ein öffentlicher Schandritus für zahlungsunfähige Schuldner: Betroffene mussten ihre Taschen leeren, die Hosen runterlassen und ihr nacktes Gesäß an den Steinquader unter der Figur pressen. So wurden die Schulden zwar formell getilgt, allerdings um den Preis der bürgerlichen Ehre.

Welche deutschen Redewendungen gehen auf dieses Denkmal und seine Geschichte zurück?

Das Schandritual wird mit der Redewendung „die Hosen runterlassen“ verknüpft, was bedeutet, seine finanzielle Lage lückenlos offenzulegen. Zudem dient das Wort „Dukatenscheißer“ als spöttischer Konter, um klarzustellen, dass man nicht aus Geld gemacht ist.