
Bartholomäusturm: Erfurts mittelalterlicher Glockenspielturm
Der Bartholomäusturm, auch Turm der Bartholomäuskirche genannt, ist ein markantes gotisches Wahrzeichen in Erfurt und der einzige Überrest der ehemaligen Bartholomäuskirche. Die 1182 erstmals urkundlich erwähnte Kirche war eine bedeutende mittelalterliche Pfarrei. Heute jedoch steht nur noch ihr Turm, ein stummer Zeuge jahrhundertelanger Geschichte auf dem Anger.
Der Bau des heutigen Turms begann 1412, wie eine steinerne Inschrift im Erdgeschoss verrät, und wurde 1468 abgeschlossen. Er ist ein Zeugnis für die wohlhabende mittelalterliche Vergangenheit der Stadt, eine Zeit, in der die ursprüngliche Kirche mit mindestens zwölf Altären reich geschmückt war und von Gönnern wie den Grafen von Gleichen unterstützt wurde.
Eine bewegte Geschichte
Die Geschichte des Bartholomäusturms ist von dramatischen Veränderungen geprägt. Die ursprüngliche Kirche wurde 1291 durch einen Brand verwüstet und anschließend wieder aufgebaut. Der Einzug der Reformation in Erfurt um 1525 führte jedoch zum Niedergang der Kirche. Sie wurde einer protestantischen Gemeinde zugewiesen, verfiel aber zusehends und wurde 1571 offiziell geschlossen. Ein weiterer Brand zerstörte 1660 das ungenutzte Kirchenschiff, der Turm blieb jedoch unversehrt.
Überraschenderweise wurde das Kirchenschiff 1715 vollständig abgerissen, doch der Turm blieb für einen neuen Zweck erhalten. Von 1591 bis 1942 diente er als Glockenturm für die nahegelegene Barfüßerkirche, die selbst keinen besaß. Während beider Weltkriege wurden die Glocken des Turms für Rüstungszwecke eingeschmolzen, sodass er zeitweise verstummte.
Zerstörung und Wiedergeburt
Das 20. Jahrhundert brachte weitere Herausforderungen mit sich. Im April 1945 zerstörte amerikanischer Artilleriebeschuss die hölzerne Turmspitze, die daraufhin durch ein provisorisches Flachdach ersetzt wurde. Jahrzehntelang stand der Turm ohne Spitze größtenteils leer und wurde zu einem berühmt-berüchtigten Brutplatz für die Tauben der Stadt.
Anlässlich des 1250. Stadtjubiläums von Erfurt im Jahr 1992 erfolgte eine umfassende Restaurierung, bei der die achteckige gotische Turmhaube wiederhergestellt wurde. So erhielt der Turm seine historische Silhouette zurück. Vorausgegangen war dem eine große Umgestaltung im Jahr 1979 mit der Installation eines riesigen Carillons, was die Identität des Turms von Grund auf veränderte.
Das Erfurter Carillon
Heute ist der Bartholomäusturm vor allem für sein Carillon bekannt. Das 1979 installierte Carillon war seinerzeit das größte der Deutschen Demokratischen Republik. Das von Peter und Margarete Schilling entworfene Instrument besteht aus 60 Bronzeglocken mit einem Gesamtgewicht von mehr als 13 Tonnen. Allein die größte Glocke wiegt 2.393 kg.
Dreimal täglich, um 10, 12 und 18 Uhr, erfüllt das Carillon den Anger mit automatischen Melodien. Zudem schlägt es zur Viertel-, halben und Dreiviertelstunde. Von März bis Oktober finden zudem am letzten Samstag im Monat Live-Konzerte von Carillonneuren statt. Heute gehört der Turm zum Stadtmuseum Erfurt und beherbergt in seinem Treppenhaus eine Ausstellung über seine Geschichte.
FAQ
Was ist der Bartholomäusturm?
Der Bartholomäusturm ist der erhaltene gotische Turm der ehemaligen Bartholomäuskirche in Erfurt aus dem 15. Jahrhundert. Die Kirche selbst wurde abgerissen, doch der Turm blieb erhalten und dient heute als Glockenspielturm.
Wann kann man das Carillon im Bartholomäusturm hören?
Das Carillon spielt dreimal täglich, um 10, 12 und 18 Uhr, automatische Melodien. Von März bis Oktober finden zudem am letzten Samstag im Monat Live-Konzerte von Carillonneuren statt.
Warum steht der Bartholomäusturm allein ohne Kirche?
Das ursprüngliche Kirchenschiff wurde nach der Reformation nicht mehr genutzt und 1571 geschlossen. Nachdem es durch einen Brand beschädigt worden war, wurde das Schiff 1715 vollständig abgerissen. Nur der Turm blieb stehen und erhielt eine neue Funktion.



