
Steinernes Haus: Erfurts mittelalterliches UNESCO-Juwel
Das Steinerne Haus am Benediktsplatz 1 ist ein bemerkenswert erhaltenes mittelalterliches Wohn- und Geschäftshaus in der Erfurter Altstadt. Um 1250 erbaut, ist es ein außergewöhnliches Zeugnis hohemittelalterlicher Architektur und jüdischen Lebens. Im Jahr 2023 wurde es zusammen mit der Alten Synagoge und der Mikwe als Teil des UNESCO-Welterbes „Jüdisch-Mittelalterliches Erbe in Erfurt“ aufgenommen.
Baugeschichte
Die Ursprünge des Gebäudes reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück, wobei ein romanischer Keller und ein Portal die frühesten Bauelemente darstellen. Das steinerne Haupthaus, die sogenannte Kemenate, wurde um 1250 errichtet. Die dendrochronologische Datierung der Holzbalkendecken im Obergeschoss bestätigt deren Einbau in den Jahren 1241/42 oder 1247. Die Architektur weist auch gotische Elemente auf, wie eine spitzbogige Lichtnische und einen Treppengiebel, der später, im Jahr 1385, durch einen Anbau verdeckt wurde.
Ein Zentrum mittelalterlichen jüdischen Lebens
Ende des 13. Jahrhunderts befand sich das Steinerne Haus in jüdischem Besitz und diente als Wohn- und Geschäftshaus. Diese Zeit unterstreicht die aktive Rolle der jüdischen Gemeinde Erfurts im städtischen Handel. Diese Ära fand mit dem Pestpogrom von 1349 ein tragisches Ende, das zur Ermordung oder Vertreibung der jüdischen Einwohner der Stadt und zum Ende des jüdischen Besitzes des Anwesens führte.
Zufällige Erhaltung und Wiederentdeckung
Ironischerweise verdankt das Gebäude seinen außergewöhnlich guten Erhaltungszustand seiner späteren Nutzung. Nach 1349 wurde das Steinerne Haus als Lagerhaus zweckentfremdet. Diese rein praktische Funktion schützte seine ursprüngliche mittelalterliche Bausubstanz über die Jahrhunderte vor größeren Veränderungen. Von 2015 bis 2017 begannen umfangreiche Untersuchungen durch Experten wie Dr.-Ing. Barbara Perlich und Prof. Christoph Merzenich, seinen immensen historischen Wert vollständig aufzudecken und zu dokumentieren.
Ein einzigartiges mittelalterliches Interieur
Eines der erstaunlichsten Merkmale des Gebäudes befindet sich im Obergeschoss: die älteste bekannte profane, also weltliche, bemalte Holzbalkendecke nördlich der Alpen. Die Decke aus den 1240er Jahren ist außergewöhnlich gut erhalten. Sie weist eine besondere Ornamentik auf den Balken und ein durchgehendes Radmotiv auf den Deckenbrettern auf und bietet so einen seltenen Einblick in die weltliche Innenraumgestaltung des Mittelalters.
Das Schaudepot und die heutige Nutzung
Heute beherbergt der Gebäudekomplex des Steinernen Hauses Büros der Erfurter Stadtverwaltung. Während das Hauptgebäude für die Öffentlichkeit in der Regel nicht zugänglich ist, befindet sich im Keller ein Schaudepot. Diese Studiensammlung zeigt rund 110 mittelalterliche jüdische Grabsteine und Fragmente aus dem 13. bis 15. Jahrhundert, die von einem ehemaligen jüdischen Friedhof geborgen wurden. Der Zugang zum Schaudepot ist ausschließlich im Rahmen von Führungen möglich.
FAQ
Was ist das Steinerne Haus in Erfurt?
Das Steinerne Haus ist ein mittelalterliches Wohn- und Geschäftshaus aus der Zeit um 1250. Es ist ein wesentlicher Bestandteil des UNESCO-Welterbes „Jüdisch-Mittelalterliches Erbe in Erfurt“ und für seinen außergewöhnlichen Erhaltungszustand sowie seine Geschichte als jüdisches Wohnhaus bekannt.
Kann ich das Steinerne Haus besuchen?
Das Hauptgebäude ist für die Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich, da es Büros der Stadtverwaltung beherbergt. Sein Keller enthält jedoch das Schaudepot mit mittelalterlichen jüdischen Grabsteinen, das ausschließlich im Rahmen von Führungen besichtigt werden kann.
Was ist das Besondere am Steinernen Haus?
Es birgt die älteste bekannte profane (also nicht-sakrale) bemalte Holzbalkendecke nördlich der Alpen aus den 1240er Jahren. Einzigartig ist auch sein Erhaltungszustand, da seine jahrhundertelange Nutzung als Lagerhaus die ursprüngliche mittelalterliche Bausubstanz schützte.
Was ist das Schaudepot im Steinernen Haus?
Das Schaudepot ist eine Art einsehbares Lager oder eine Studiensammlung im Keller des Gebäudes. Es zeigt rund 110 mittelalterliche jüdische Grabsteine und Fragmente aus dem 13. bis 15. Jahrhundert, die von Erfurts mittelalterlichem jüdischen Friedhof geborgen wurden.



