Pietra Ringadora: Modenas historischer Schandstein - Modena
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Pietra Ringadora: Modenas historischer Schandstein

Modena, Italy

Mitten auf Modenas prächtigstem Platz liegt ein rötlicher römischer Stein, der einst als Bühne für bürgerliche Reden wie auch für öffentliche Demütigungen diente. Die Pietra Ringadora, im lokalen Dialekt Preda Ringadora genannt, ist ein drei Meter langer, flacher Felsblock, der fest in das Pflaster der Piazza Grande eingelassen ist.

Antike Ursprünge und bürgerliche Reden

Gehauen aus rötlich-rosa Ammonitico-Veronese-Kalkstein, gilt der wuchtige Block gemeinhin als wiederverwendetes römisches Baumaterial. Fachleute vermuten, dass der Stein einst aus einem antiken römischen Bauwerk oder einem Amphitheater stammte, das in dieser Gegend stand.

Im Mittelalter übernahm der Felsblock eine zentrale städtische Funktion. Sein Name leitet sich vom Dialektbegriff aringare ab, was so viel bedeutet wie eine öffentliche Rede halten oder eine Brandrede schwingen. Stadtmagistrate, Herolde und Redner nutzten das leicht erhöhte Podest, um neue Gesetze zu verkünden, Edikte zu verlesen und bei Bürgerversammlungen zum Volk zu sprechen.

Rituale öffentlicher Schande

Ab dem 15. Jahrhundert wandelte sich die Pietra Ringadora zum Schauplatz öffentlicher Handelsjustiz. Auf ihr wurden zahlungsunfähige Schuldner, Gotteslästerer, Meineidige und Kleinkriminelle nach allen Regeln der Kunst bestraft und gedemütigt.

Laut dem Chronisten Giovanni Battista Spaccini aus dem 17. Jahrhundert traf es Schuldner besonders hart: Ein bankrotter Schuldner musste sich den Kopf kahl scheren lassen, eine Papiermitra aufsetzen und hinter einem Trompeter über den Marktplatz marschieren. Das Finale fand am Stein statt, der zuvor mit Terpentin bestrichen worden war. Dort musste der Verurteilte sein nacktes Gesäß dreimal kräftig gegen den Block schlagen und dabei laut rufen: cedo bonis (Ich trete meine Güter ab).

Der Volksmund führt bis heute gängige italienische Redewendungen über den finanziellen Ruin auf diesen mittelalterlichen Brauch zurück. Ausdrücke wie stare col culo a terra (mit dem Hintern auf dem Boden sitzen) oder restare in braghe di tela (nur noch im Hemd dastehen) gehen auf das Ritual zurück, Schuldnern Hab und Gut zu nehmen und ihnen diese schmerzhaft-entblößende Abreibung zu verpassen.

Eine Bühne für die Toten

Neben Bürgerreden und öffentlicher Züchtigung fungierte der Stein auch als Leichenschauplatz unter freiem Himmel. Unbekannte Tote, die man aus Kanälen, Gräben oder von Tatorten geborgen hatte, wurden auf der Steinplatte aufgebahrt. Durch diese makabre Zurschaustellung sollten Angehörige oder Passanten die Verstorbenen identifizieren.

Diese Inszenierungen aus öffentlicher Justiz und aufgebahrten Toten waren kühl kalkuliert. Samstags fand auf der Piazza Grande ein lebhafter Markt statt, und die Stadtverwaltung legte Demütigungsrituale und Leichenschauen ganz gezielt auf diese Zeiten, um vor dem geschäftigen Marktpublikum maximale Aufmerksamkeit zu erzielen.

Ein Denkmal, tief in der Geschichte verankert

Heute liegt die Pietra Ringadora frei zugänglich mitten im Herzen von Modena. Auf der verwitterten, rötlich-rosa Oberfläche lassen sich natürliche fossile Einschlüsse aus dem Meer erkennen, insbesondere Ammoniten, die fest im Kalkstein eingeschlossen sind.

Der Stein zeugt von der vielschichtigen Geschichte der Piazza Grande, an der einst religiöse Macht, weltliche Verwaltung, Handel und drakonische Disziplinierung aufeinandertrafen. Zusammen mit der Kathedrale von Modena und dem Glockenturm Ghirlandina wurde der Platz mit seinem geschichtsträchtigen Stein 1997 zum UNESCO-Welterbe erklärt.

FAQ

Warum heißt der Stein Pietra Ringadora?

Der Name stammt vom lokalen Dialektwort *aringare* ab, was so viel wie eine Rede halten oder das Volk anstacheln bedeutet. Das erinnert an seine mittelalterliche Funktion als Tribüne für Magistrate und Redner.

Wie wurden Schuldner an dem Stein bestraft?

Ab dem 15. Jahrhundert wurden zahlungsunfähige Schuldner über den Markt geführt, mussten ihr nacktes Gesäß dreimal gegen den mit Terpentin bestrichenen Stein schlagen und laut verkünden, dass sie all ihre Güter abtreten.

Aus welchem Gestein besteht die Pietra Ringadora?

Der Stein ist ein rund drei Meter langer, flacher Block aus rötlich-rosa Ammonitico-Veronese-Kalkstein, in dem deutlich sichtbare marine Fossilien wie Ammoniten eingeschlossen sind.

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