
Statua della Bonissima: Modenas mittelalterliche Marktwächterin
Hoch oben an einer Ecke des Rathauses wacht eine rätselhafte Steindame, die im mittelalterlichen Modena buchstäblich der Maßstab für fairen Handel war. Die Statua della Bonissima thront als kleine mittelalterliche Skulptur auf einer Wandkonsole des Palazzo Comunale, mit direktem Blick auf die Kreuzung von Piazza Grande und Via Castellaro. Mit ihrem gelassenen Blick über das Kopfsteinpflaster wacht sie seit Jahrhunderten über das geschäftige und bürgerliche Treiben der Stadt.
Der Maßstab für fairen Handel
Im Mittelalter galt die Statua della Bonissima als Sinnbild für das städtische Amt der „Buona Stima“ oder das „Ufficio della Bona Opinione“. Diese Behörde sorgte auf dem trubeligen Marktplatz dafür, dass bei Maßen, Gewichten und Handelsbräuchen alles mit rechten Dingen zuging. Historischen Statuten zufolge waren im ursprünglichen Sockel der Statue die amtlichen Eichmaße der Stadt für Händler eingemeißelt. Die Gravuren dienten als verbindliche Vorlage für Ziegel, Dachschindeln, Tuchspannen, Getreidebehälter und sogar genormte Schuhsohlen.
Während die benachbarte Kathedrale von Modena und der Ghirlandina-Turm die geistliche Macht verkörperten, war die Bonissima der weltliche und wirtschaftliche Anker der Piazza Grande. Sie stand für städtische Autonomie, ehrlichen Handel und das bürgerliche Selbstverständnis der mittelalterlichen Kommune.
Kunstgeschichte und Standortwechsel
Entstanden zwischen dem späten 12. und 13. Jahrhundert, oft datiert auf das Jahr 1268, besteht die Skulptur aus einem Kalksteinkörper und einem auffallend eigenständigen Marmorkopf. Sie trägt schlichte mittelalterliche Gewänder, und ein langer Haarzopf fällt ihr über die Schulter nach vorne. Kunsthistoriker schreiben das Werk stilistisch der Werkstatt oder dem Umkreis des anonymen Meisters der Metopen zu, der auch die Reliefs am Dach der benachbarten Kathedrale schuf.
Die Bonissima blickte allerdings nicht immer aus erhöhter Warte herab. Historische Quellen belegen, dass sie anfangs ebenerdig direkt auf dem Platz stand. Erst 1468 wanderte sie an die Fassade des Rathauses, wie der modenesische Chronist Jacopo de’ Lancellotti festhielt.
Lokale Legenden und heutiges Erbe
Wer die dargestellte Dame wirklich ist, beflügelt bis heute die Fantasie der Einheimischen und hat zwei beliebte Theorien hervorgebracht. Der Volksmund erzählt, die Skulptur ehre „Bona“, eine wohlhabende Adlige, die die Modeneser während einer verheerenden Hungersnot mit großzügigen Getreidespenden vor dem Schlimmsten bewahrte. Eine andere hartnäckige Theorie sieht in ihr die mächtige Markgräfin Mathilde von Canossa, die im Mittelalter über Modena herrschte.
Heute gehört die Statua della Bonissima zu den unverwechselbaren Wahrzeichen des UNESCO-Welterbes von Modena. Zudem ist sie Namensgeberin für „La Bonissima“, ein jährliches Gourmetfestival auf der Piazza Grande, das die kulinarischen Schätze der Region feiert, von traditionellem Aceto Balsamico über Parmigiano Reggiano bis hin zu feinsten Wurstspezialitäten.
FAQ
Was stellt die Statua della Bonissima dar?
Historisch war sie ein Sinnbild für die „Buona Stima“, ein städtisches Amt zur Überwachung des fairen Handels. Lokale Legenden besagen jedoch, dass sie entweder die reiche Adlige Bona darstellt, die während einer Hungersnot Getreide verteilte, oder die mächtige mittelalterliche Herrscherin Mathilde von Canossa.
Wo befindet sich die Statua della Bonissima?
Die Statue befindet sich auf einer Wandkonsole an der Außenfassade des Palazzo Comunale (Rathaus) an der Ecke zwischen der Piazza Grande und der Via Castellaro in Modena.
Wozu diente der ursprüngliche Sockel der Statue?
Historischen Statuten zufolge waren in den ursprünglichen Sockel die amtlichen Eichmaße Modenas eingemeißelt. Händler nutzten sie als Referenz für die vorgeschriebenen Maße von Ziegeln, Dachschindeln, Tuchspannen, Getreidebehältern und Schuhsohlen.



