Casas Gemelas: die historischen Herrenhäuser von Mérida
Die französischen Châteaux des Paseo de Montejo
Am berühmten Paseo de Montejo in Mérida, zwischen den Calles 43 und 45, thronen die Casas Cámara. Im Volksmund schlicht Las Casas Gemelas, die Zwillingshäuser, genannt, verkörpern sie den ungebremsten architektonischen Ehrgeiz des yukatekischen Henequén-Booms in Reinform. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts scheffelten die Plantagenbesitzer der Region mit dem weltweiten Export von Sisalfasern unermessliche Reichtümer. Gestaltet nach dem Vorbild der europäischen Prachtboulevards, allen voran der Pariser Champs-Élysées, avancierte der Paseo de Montejo zur bevorzugten Flaniermeile von Méridas Oberschicht und verlagerte das noble Wohnviertel aus dem alten spanischen Kolonialzentrum weit nach Norden.
Die Brüder Ernesto und Camilo Cámara Zavala gaben die beiden Residenzen Ende der 1900er-Jahre in Auftrag und brachen damit bewusst mit den traditionellen Grundrissen der Region, um moderner französischer Eleganz den Vortritt zu lassen. Die Bauarbeiten begannen um 1908 und gipfelten an Heiligabend 1911 in einer feierlichen Einweihung.
Pariser Design und yukatekische Ingenieurskunst
Die Cámara-Brüder engagierten den französischen Architekten Gustave Umbdenstock, nachdem sie seinen Entwurf für den französischen Pavillon, eine Replik des Grand Trianon, auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis bewundert hatten. Umbdenstock zeichnete die Pläne und Raumkonzepte in Paris, und schon 1907 wurden seine Entwürfe in der renommierten Architekturzeitschrift La Construction Moderne vorgestellt.
Um diese anspruchsvollen Pläne vor Ort in die Tat umzusetzen, holten die Brüder den einheimischen Ingenieur Manuel Cantón Ramos an Bord, der zeitgleich auch den Bau des benachbarten Palacio Cantón leitete. Baumaterialien, Mobiliar und edles Kunsthandwerk wurden kistenweise direkt aus Europa verschifft, um Umbdenstocks Vision einer Mischung aus französischer Beaux-Arts-Architektur, Second Empire und Neoklassizismus Wirklichkeit werden zu lassen.
Architektonische Feinheiten und bauliche Unterschiede
Obwohl man sie als „Zwillingshäuser“ kennt, sind die beiden Residenzen keine eineiigen Klone. Beide bestechen zwar durch helle Kalksteinfassaden, an Mansarddächer angelehnte Silhouetten, kunstvolle Friese, Steingirlanden, gemeißelte Wappen und filigrane schmiedeeiserne Balkone, doch im Detail geht jedes Haus seinen eigenen Weg. Das südliche Gebäude (Montejo 495) schmückt sich mit Rundgiebeln über den Fenstern des Obergeschosses, während das nördliche Schwesterhaus mit einer offenen Dachterrasse samt klassischer Steinbalustrade gebaut wurde.
Im Inneren herrscht schwelgerischer Luxus: ein monumentales dreistöckiges Vestibül, poliertes Parkett, Vorhänge aus schwerer Seide, feines Porzellan und importierte Buntglasfenster. Die gewaltige Mitteltreppe der südlichen Villa wird von monolithischen Säulen aus italienischem Carrara-Marmor flankiert.
Wandel und das Montejo 495 Casa Museo
Vollendet kurz vor dem Ausbruch der Mexikanischen Revolution und dem anschließenden Niedergang des globalen Henequén-Marktes, wechselten die Anwesen schließlich den Besitzer. 1964 erwarb der Tourismuspionier Fernando Barbachano Gómez Rul die südliche Villa. Unter der Ägide der Familie Barbachano wurde das Haus zum mondänen Treffpunkt für weltweiten Adel und Polit-Prominenz: Jacqueline Kennedy Onassis ging hier ebenso ein und aus wie Fürstin Gracia Patricia und Fürst Rainier von Monaco, Italiens Ex-König Umberto II. und Königin Juliana der Niederlande.
Im Januar 2021 entschied sich die Familienerbin Maruja Barbachano Herrero, das südliche Anwesen als Kulturinstitution für die Nachwelt zu erhalten, statt es an Banken oder Immobilienentwickler zu verkaufen. Heute öffnet die Residenz als Montejo 495 Casa Museo ihre Pforten und präsentiert originale Pariser Tischlerarbeiten, Kunst der Epoche und antikes Mobiliar. Das nördliche Palais befindet sich weiterhin in Privatbesitz und bleibt der Öffentlichkeit verschlossen.
FAQ
Warum sind die Casas Gemelas nicht identisch?
Obwohl beide Gebäude die typischen Proportionen und Verzierungen der französischen Beaux-Arts-Architektur teilen, besitzt das südliche Herrenhaus Rundgiebel über den oberen Fenstern, während das nördliche Haus eine offene Dachterrasse mit Steinbalustrade aufweist.
Kann man die Casas Gemelas besichtigen?
Nur das südliche Herrenhaus ist für die Öffentlichkeit zugänglich: Seit Januar 2021 beherbergt es das Montejo 495 Casa Museo. Das nördliche Haus ist weiterhin in Privatbesitz und bleibt für Besucher verschlossen.
Wer entwarf die Casas Cámara und leitete die Bauarbeiten?
Die Baupläne und Innenräume wurden vom Pariser Architekten Gustave Umbdenstock entworfen, während der yukatekische Ingenieur Manuel Cantón Ramos den Bau in Mérida leitete.
Welche prominenten Persönlichkeiten besuchten das südliche Herrenhaus?
Als das Anwesen im Besitz der Familie Barbachano war, residierten hier Gäste wie Jacqueline Kennedy Onassis, Fürstin Gracia Patricia und Fürst Rainier von Monaco, König Umberto II. von Italien sowie Königin Juliana der Niederlande.
