
Evangelische Kathedrale Sankt Marien in Sibiu, Rumänien
Die evangelische Kathedrale Sankt Marien in Sibiu, Rumänien, ist ein imposantes Wahrzeichen aus dem 14. Jahrhundert. Mit ihrer gewaltigen Backsteinfassade und dem hoch aufragenden Turm überragt sie die gesamte Altstadt. Dieser bedeutende gotische Kirchenbau zeugt von der reichen Geschichte der Region und dem kulturellen Erbe der Siebenbürger Sachsen.
Baugeschichte
Die heutige Kathedrale wurde zwischen 1371 und 1520 an der Stelle einer früheren romanischen Basilika aus dem 12. Jahrhundert erbaut. Der beeindruckende Turm des Gebäudes erreicht eine Höhe von 73,34 Metern und zeichnet sich durch vier Türmchen an seinen Ecken aus. Historisch symbolisierten diese Türmchen die Blutgerichtsbarkeit von Sibiu, das sogenannte ‚ius gladii‘, und unterstrichen damit die mittelalterliche Autonomie der Stadt.
Ein entscheidender Moment in der Geschichte der Kathedrale ereignete sich Mitte des 16. Jahrhunderts, als sie von einer katholischen in eine lutherische Pfarrkirche umgewandelt wurde. Diese Umwandlung wurde vom Reformator Johannes Honter vorangetrieben, dessen Wirken maßgeblich für die Konversion der Siebenbürger Sachsen zum Protestantismus war. Im Jahr 2004 wurde die Kathedrale offiziell in die Liste der historischen Denkmäler des Kreises Sibiu aufgenommen.
Berühmte Persönlichkeiten und Grabstätten
Drei Jahrhunderte lang diente die Kirche als Begräbnisstätte für prominente Persönlichkeiten der Stadt. Diese Praxis wurde 1796 verboten, doch 1803 wurde für Baron Samuel von Brukenthal, den Gouverneur von Siebenbürgen, eine bemerkenswerte Ausnahme gemacht und er wurde in der Krypta beigesetzt. Eine weitere bedeutende Grabstätte ist die von Mihnea cel Rău (Mihnea der Böse), einem walachischen Fürsten und Sohn von Vlad dem Pfähler. Er wurde 1510 in der Nähe der Kirche ermordet und anschließend in ihren Mauern beigesetzt.
Mehrere andere Persönlichkeiten sind mit der Kathedrale verbunden. Eine Statue vor der Kirche ehrt Georg Daniel Teutsch, einen einflussreichen evangelischen Bischof, Lehrer und Historiker. Die Kathedrale hat auch eine Verbindung zur heutigen rumänischen Staatsführung, denn der amtierende Präsident Rumäniens, Klaus Iohannis, wurde in ihrem historischen Taufbecken getauft.
Schätze und Artefakte im Inneren
Im Inneren beherbergt die Kathedrale zahlreiche historische Artefakte. Ein großes Fresko, 1445 von Johannes de Rosenow gemalt, schmückt den Innenraum. Eines der bemerkenswertesten Ausstattungsstücke ist das bronzene Taufbecken, das 1438 von Meister Leonhardus geschaffen wurde. Der Überlieferung nach wurde es aus dem Metall türkischer Kanonen gegossen, die 1437 von den Bürgern Sibius erbeutet worden waren.
Die Kirche beherbergt auch mehrere Orgeln, darunter die größte Südosteuropas, die 1915 von der Firma Wilhelm Sauer eingebaut wurde. Besucher können auch eine einzigartige Galerie von 67 Grabsteinen sehen, die 1853 vom Boden des Kirchenschiffs entfernt und in die Kirchenwände eingelassen wurden. Zudem birgt die Kathedrale eine bemerkenswerte Sammlung anatolischer Teppiche aus dem 15. Jahrhundert, die von sächsischen Kaufleuten gestiftet wurden, die Handel mit dem Osmanischen Reich trieben.
Die Kathedrale heute
Heute dient die evangelische Kathedrale Sankt Marien weiterhin als Pfarrkirche für die evangelische Gemeinde von Sibiu, wobei die Gottesdienste oft auf Deutsch abgehalten werden. Sie ist auch eine bedeutende Touristenattraktion und bietet Besuchern die Möglichkeit, ihren historischen Innenraum zu erkunden und den siebenstöckigen Turm zu besteigen, um den Panoramablick über Sibiu zu genießen. Die Kathedrale dient als kulturelles Zentrum, in dem regelmäßig Orgel- und Klassikkonzerte stattfinden.
FAQ
Welche Bedeutung haben die vier Türmchen am Turm der Kathedrale?
Die vier Türmchen auf dem 73,34 Meter hohen Turm symbolisierten historisch die Blutgerichtsbarkeit von Sibiu, das sogenannte ‚ius gladii‘, und zeigten so die einstige Autonomie und richterliche Gewalt der Stadt.
Sind in der evangelischen Kathedrale Sankt Marien berühmte Persönlichkeiten beigesetzt?
Ja, darunter Mihnea cel Rău, der Sohn von Vlad dem Pfähler, der nach seiner Ermordung 1510 hier beigesetzt wurde, und Baron Samuel von Brukenthal, der 1803 ausnahmsweise in der Krypta bestattet werden durfte.
Welche Geschichte verbirgt sich hinter dem Taufbecken der Kathedrale?
Das bronzene Taufbecken, 1438 von Meister Leonhardus geschaffen, wurde der Überlieferung nach aus dem Metall türkischer Kanonen gegossen, die 1437 von den Einwohnern Sibius erbeutet wurden.
Wofür wird die Kathedrale heute genutzt?
Sie dient als aktive Pfarrkirche für die evangelische Gemeinde von Sibiu, als bedeutende Touristenattraktion mit besteigbarem Turm und als kultureller Veranstaltungsort für Orgel- und Klassikkonzerte.



