Rathausplatz Tartu: Guide zum Raekoja plats - Tartu
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Rathausplatz Tartu: Guide zum Raekoja plats

Tartu, Estonia

Der Rathausplatz (Raekoja plats) bildet das bürgerliche und gesellschaftliche Herz von Tartu in Estland. Als langgezogenes Trapez mit Kopfsteinpflaster fällt der Platz vom Fuß des Dombergs sanft bis ans Ufer des Emajõgi ab. Dieser Grundriss spiegelt seine alte Rolle als Bindeglied wider: Er schlug die Brücke zwischen den akademischen und wehrhaften Höhen der Stadt und den historischen Handelsnetzen am Flussufer.

Architektonische Wiedergeburt nach dem großen Brand

Im Mittelalter diente der Platz als Tartus wichtigster Handelsmarkt und verband die Festung oben auf dem Domberg direkt mit dem geschäftigen Flusshafen. Sein heutiges Gesicht verdankt das Viertel jedoch dem großen Brand von 1775, der Tartus Zentrum samt hölzerner Wohnhäuser und früherer Rathäuser in Schutt und Asche legte.

In den Jahrzehnten nach der Katastrophe bauten die Stadtplaner das zentrale Viertel aus solidem Mauerwerk neu auf. So entstand ein bemerkenswert harmonisches Stadtbild, gerahmt von klassizistischen Fassaden in sanften Pastelltönen wie Pfirsich, Creme und Rosa.

Das historische Rathaus und sein Glockenspiel

Am oberen Ende des Platzes thront das Rathaus von Tartu (Raekoda), bereits das dritte Verwaltungsgebäude an dieser Stelle. Der Rostocker Baumeister Johann Heinrich Bartholomäus Walter entwarf den Bau und legte 1782 den Grundstein. Offiziell eröffnet wurde das Gebäude 1786, die Arbeiten im Inneren wurden 1789 abgeschlossen.

Walters Entwurf verbindet frühen Klassizismus mit einem 1784 fertiggestellten spätbarocken Uhrturm und einer verspielten Rokokokartusche am Hauptgiebel. Konzipiert für bürokratische Ordnung und praktischen Nutzen, beherbergte der ursprüngliche Bau eine Wachstube samt Gefängnis im Gewölbekeller und im linken Flügel, öffentliche Eich- und Wiegeräume mit direkter Zufahrt für Fuhrwerke im rechten Flügel und den festlichen Ratssaal (Raesaal) im Obergeschoss.

Bis heute dient das Rathaus als aktiver Verwaltungssitz von Tartus Stadtrat und Stadtregierung. Im Erdgeschoss teilen sich eine traditionsreiche Apotheke und das Besucherzentrum von Tartu die Räume. Hoch oben im Uhrturm verbirgt sich Estlands größtes Glockenspiel: 34 Glocken stimmen hier fünfmal täglich ausgewählte Melodien an.

Der Brunnen der küssenden Studenten

Direkt vor dem Rathaus plätschert der Brunnen der Küssenden Studenten (Suudlevad tudengid), eines der bekanntesten Wahrzeichen von Tartu. Die zentrale Bronzeskulptur des estnischen Künstlers Mati Karmin zeigt zwei Studierende, die sich eng umschlungen unter einem Regenschirm küssen; sie wurde 1998 enthüllt.

Das Kunstwerk geht auf ein Ritual aus der Mitte des 20. Jahrhunderts zurück: Nachdem das Brunnenbecken 1948 angelegt worden war, stiegen Studierende und frisch Vermählte regelmäßig für eine Prise Glück ins Wasser. Genau dieser Brauch inspirierte Karmin zu seiner Skulptur. Um den Brunnen herum weisen seit 2006 im Pflaster eingelassene Granitsteine den Weg, mit Richtungsangaben, Namen und den exakten Distanzen zu Tartus Partnerstädten in ganz Europa.

Das schiefe Barclay-de-Tolly-Haus

An der Nordseite des Platzes steht das 1793 erbaute Barclay-de-Tolly-Haus (Raekoja plats 18). Berühmt ist das Gebäude für seine unübersehbare Neigung von rund 5,8 Grad. Damit steht es sogar noch schiefer als der Turm von Pisa.

Der Grund für den Schiefstand liegt im Baugrund: Eine Seite des Hauses ruhte felsenfest auf den Überresten der mittelalterlichen Stadtmauer, während die andere von Holzpfählen im weichen Schwemmland nahe dem Fluss getragen wurde. Als sich der Grundwasserspiegel veränderte, sackte das Holzfundament ungleichmäßig ab. In den 1980er-Jahren stabilisiert, ohne die Schräglage zu verändern, beherbergt das Gebäude heute das Kunstmuseum Tartu (Tartmus). Auch literarisch hat das Haus Gewicht: Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts arbeitete hier der bekannte estnische Schriftsteller Oskar Luts als Apothekerlehrling.

Stadtleben und gelebte Traditionen

Der Raekoja plats ist das ganze Jahr über eine lebendige Fußgängerzone. In den wärmeren Monaten füllt sich der Platz mit Straßencafés, Open-Air-Konzerten und großen Studententreffen, von der feierlichen Immatrikulation bis zu den alljährlichen Studententagen (Tudengipäevad). Im Winter verwandelt sich der Platz in einen stimmungsvollen Treffpunkt mit Freiluft-Eisbahn und Tartus traditionellem Weihnachtsmarkt.

FAQ

Warum ist das Barclay-de-Tolly-Haus schief?

Beim Bau im Jahr 1793 wurde eine Seite des Hauses auf Tartus massiver mittelalterlicher Stadtmauer errichtet, während die andere auf Holzpfählen im weichen Schwemmland des Flussufers ruhte. Als sich der Grundwasserspiegel veränderte, sackten die Holzpfähle ungleichmäßig ab, was dem Gebäude seine beachtliche Schräglage von rund 5,8 Grad bescherte.

Was inspirierte den Brunnen der küssenden Studenten?

Nachdem das Brunnenbecken 1948 angelegt worden war, entstand der Brauch, dass Studierende und Frischvermählte als Glücksbringer ins Wasser stiegen oder darin badeten. Der Bildhauer Mati Karmin griff diese Tradition auf, als er die 1998 enthüllte Bronzeskulptur entwarf.

Wann erklingt das Glockenspiel am Rathaus von Tartu?

Das Glockenspiel mit seinen 34 Glocken im Rathausturm spielt fünfmal täglich ausgewählte Musikstücke: um 09:00, 12:00, 15:00, 18:00 und 21:00 Uhr.

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