
Hauptgebäude der Universität Tartu: Geschichte und Architektur
Ein Wahrzeichen des Klassizismus
Das Hauptgebäude der Universität Tartu steht in der Ülikooli 18, direkt am Fuße des Dombergs (Toomemägi), eingebettet zwischen dem Rathausplatz und den darüberliegenden Parkanlagen. Entworfen im Stil des Hochklassizismus vom Universitätsarchitekten und Professor Johann Wilhelm Krause, entstand der Bau zwischen 1804 und 1809 an der Stelle der mittelalterlichen Marienkirche, die im Großen Nordischen Krieg zerstört worden war. Am 3. Juli 1809 feierlich eingeweiht, besticht die Fassade durch einen monumentalen Portikus mit sechs toskanischen beziehungsweise dorischen Säulen unter einem klassischen Dreiecksgiebel. Auf einer erhöhten Steinterrasse thronend, ist diese Säulenfront bis heute das unverkennbare Wahrzeichen Tartus als Universitätsstadt.
Von der königlichen Urkunde zur Nationaluniversität
Die Geschichte der Universität reicht zurück bis zum 30. Juni 1632: Mitten im Dreißigjährigen Krieg, kurz vor seinem Tod in der Schlacht bei Lützen, unterzeichnete der schwedische König Gustav II. Adolf die Gründungsurkunde für die Academia Dorpatensis. Danach folgte eine wechselhafte Zeit: Die Hochschule zog mehrfach zwischen Tallinn und Pärnu um, bevor sie 1710 unter russischer Herrschaft vorerst schließen musste.
1802 hauchte Zar Alexander I. der Institution neues Leben ein, nun als deutschsprachige Kaiserliche Universität zu Dorpat, und beauftragte Krause mit dem Entwurf eines dauerhaften Campuskomplexes. Später wuchs das Bauwerk weiter: Zwischen 1856 und 1858 kamen zwei rückwärtige Flügel hinzu. Nach dem Estnischen Unabhängigkeitskrieg öffnete das Gebäude 1919 erneut seine Pforten, diesmal als erste estnischsprachige Nationaluniversität der jungen Republik Estland. Und selbst als am 14. Dezember 1965 ein verheerender Brand weite Teile des Inneren zerstörte, ließ man sich nicht unterkriegen: Das Gebäude und seine historischen Räume wurden akribisch rekonstruiert.
Festsäle und das Kunstmuseum
Heute bildet das Gebäude das administrative und festliche Zentrum der Universität Tartu und beherbergt das Rektorat. Im Obergeschoss bietet die Aula den würdigen Rahmen für akademische Festakte, Immatrikulationen, Disputationen, Konferenzen und Konzerte. Der Saal beeindruckt mit seinem klassizistischen Empire-Dekor, funkelnden Kristallkronleuchtern, antikisierenden Pilastern und bemalten Deckenbögen.
Im linken Hofflügel findest du das Kunstmuseum der Universität Tartu. Es überrascht mit Wandmalereien im pompejanischen Stil und einer Sammlung von Gipsabgüssen antiker Skulpturen aus dem 19. Jahrhundert. Über das Museum hast du auch Zugang zu Führungen durch die Aula und den historischen Dachboden.
Der Studentenkarzer unterm Dach
Eines der faszinierendsten erhaltenen Details im Inneren ist der originale Studentenkarzer im holzgebälkten Dachgeschoss, wo noch heute der Duft von altem Holz und historischem Putz in der Luft liegt. Zwischen 1802 und 1892 übte die Universität eine eigene Gerichtsbarkeit aus und verurteilte rund 6.600 Studenten zu Arreststrafen von wenigen Tagen bis zu drei Wochen. Auf der Liste der Vergehen standen Duelle, Trunkenheit in der Öffentlichkeit, Pöbeleien gegen Nachtwächter oder die verbummelte Rückgabe von Bibliotheksbüchern.
Um die Tage im Arrest totzuschlagen, verewigten sich die Studenten mit Holzkohle und Kerzenruß an den Wänden. Bis heute sind die erhaltenen Putzflächen übersät mit Originalzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert: Porträts, studentische Wappen und Verse auf Deutsch, Latein und Französisch. Zu den prominentesten Insassen zählte Georg Philipp von Oettingen, der zwei Wochen absaß, weil er sich an Protesten gegen einen Professor beteiligt hatte. Geschadet hat es ihm nicht: Später wurde er Rektor der Universität und Bürgermeister von Tartu.
Das Denkmal des Gründers
Direkt hinter dem Hauptgebäude steht das Bronzedenkmal für König Gustav II. Adolf von Schweden. Die ursprüngliche Statue wurde 1928 aufgestellt, 1950 unter sowjetischer Herrschaft abgeräumt und 1992 durch einen Neuguss ersetzt, der an die königliche Gründung der Universität erinnert.
FAQ
Wann wurde das Hauptgebäude der Universität Tartu erbaut?
Das vom Architekten Johann Wilhelm Krause entworfene Gebäude wurde zwischen 1804 und 1809 erbaut und am 3. Juli 1809 feierlich eingeweiht.
Wozu diente der Studentenkarzer unter dem Dach?
Zwischen 1802 und 1892 verurteilte das universitätseigene Gericht rund 6.600 Studenten zum Karzerarrest im Dachgeschoss, etwa wegen Duellen, Trunkenheit in der Öffentlichkeit oder weil sie Bibliotheksbücher nicht zurückgegeben hatten.
Wer hat die Universität Tartu gegründet?
Die Universität wurde am 30. Juni 1632 vom schwedischen König Gustav II. Adolf mit der Gründungsurkunde der Academia Dorpatensis ins Leben gerufen.
Kann man die Aula und den Studentenkarzer besichtigen?
Ja. Über das Kunstmuseum der Universität Tartu im linken Hofflügel werden Führungen angeboten, bei denen sowohl die Aula als auch der Karzer im Dachgeschoss besichtigt werden können.




