Rathaus von Rennes: Architektur, Geschichte und Guide
Architektonischer Wandel nach dem großen Brand
Mitten auf der Place de la Mairie im Herzen von Rennes verkörpert das Rathaus (Hôtel de Ville) den Wiederaufbau der bretonischen Hauptstadt im Zeitalter der Aufklärung. Im Dezember 1720 legte ein verheerender Großbrand den mittelalterlichen Fachwerk-Kern der Stadt in Asche. Die Stadtväter und die französische Krone beschlossen daraufhin einen Neuanfang nach rationalen, feuerfesten Prinzipien. Entworfen von Jacques V. Gabriel, dem Ersten Architekten des Königs, wurde der Grundstein am 12. April 1734 gelegt, 1743 waren die Bauarbeiten vollendet. Heute markiert das Gebäude die unübersehbare Grenze zwischen den erhaltenen Fachwerkgassen des alten Rennes und dem Schachbrettmuster aus Stein, das nach der Brandkatastrophe entstand.
Klassizistisches Design und bürgerliche Einheit
Erbaut aus hellem Quaderkalkstein im strengen klassizistischen Stil, präsentiert sich der Komplex mit zwei symmetrischen Flügeln, die durch eine zurückspringende, konkav geschwungene Fassade verbunden sind. In der Mitte ragt ein markanter Uhrturm samt Glockengeläut empor, gekrönt von einer Zwiebelhaube. Gabriels Entwurf vereinte damals drei zentrale Institutionen unter einem Dach: Die Stadtverwaltung zog in den Südflügel, das Présidial (Zivilgericht) fand seinen Platz im Nordflügel, und der Glockenturm in der Mitte hielt beide zusammen. Seit 1962 steht der Bau offiziell als Monument historique unter Denkmalschutz.
Direkt gegenüber auf der anderen Seite des Platzes steht die Oper von Rennes aus dem 19. Jahrhundert mit ihrer markant gerundeten, konvexen Fassade. Dieses architektonische Gegenstück wurde ganz bewusst so entworfen, dass es sich wie zwei ineinandergreifende Puzzleteile an die konkave Front des Rathauses auf der anderen Seite der Place de la Mairie schmiegt.
Die umkämpfte Nische unter dem Uhrturm
Unter dem zentralen Uhrturm liegt eine große Steinnische, die wie ein steinerner Zeuge der politischen Geschichte der Bretagne wirkt. Ursprünglich thronte hier eine Statue von König Ludwig XV., errichtet als Dank für die königlichen Gelder beim Wiederaufbau nach dem Brand. Während der Französischen Revolution wurde das royale Denkmal kurzerhand gestürzt und zertrümmert.
1911 füllte der Bildhauer Jean Boucher die verwaiste Nische mit einem neuen Monument, das an den Anschluss der Bretagne an Frankreich im Jahr 1532 erinnern sollte. Die Skulptur zeigte Herzogin Anne de Bretagne, wie sie vor König Karl VIII. von Frankreich auf die Knie sank. Für bretonische Regionalisten und Nationalisten war diese demütige Pose eine Provokation und ein Affront gegen die eigene Autonomie. Am 7. August 1932, pünktlich zu den Feierlichkeiten zum 400. Jahrestag des Unionsvertrags, jagte die militante bretonische Gruppe Gwen ha Du das Denkmal mit einem Sprengsatz in die Luft. Der Sockel wurde danach ganz bewusst leer gelassen und ist es bis heute geblieben.
Forschungslabore und historische Wendepunkte
Neben der Stadtpolitik bot das Rathaus von Rennes im Laufe seiner Geschichte Platz für die unterschiedlichsten Nutzungen. Im 19. Jahrhundert zog die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Rennes in den Nordflügel ein. Genau dort, wo sich heute das Büro der Bürgermeisterin befindet, betrieb damals der italienischstämmige Chemiker Faustino Malaguti seine Forschungslabore. Ebenfalls im Nordflügel liegt das Panthéon Rennais, eine vom Stadtarchitekten Emmanuel Le Ray geschaffene Gedenkhalle mit Wandgemälden von Camille Godet, die den Opfern der Weltkriege sowie der Konflikte in Indochina und Algerien gewidmet ist.
Selbst das historische Mauerwerk erfüllt eine ökologische Rolle: Es dient als Nistplatz für eine der letzten städtischen Mehlschwalbenkolonien (Delichon urbicum). Nach der Befreiung durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg trat General Charles de Gaulle am 21. August 1944 auf den Rathausbalkon und sprach vor Tausenden begeisterten Bürgern.
Das Rathaus heute
Bis heute ist das Rathaus das pulsierende Verwaltungszentrum von Rennes, Sitz der Stadtspitze und der kommunalen Behörden. Hier tagt der Stadtrat, hier geben sich Paare das Jawort, und gelegentlich öffnen sich die historischen Prachtsäle für geführte Touren.
FAQ
Warum ist die Nische unter dem Uhrturm leer?
In der Nische stand ursprünglich eine Statue Ludwigs XV., die während der Französischen Revolution gestürzt wurde. 1911 errichtete man ein Denkmal der Herzogin Anne de Bretagne, die vor König Karl VIII. kniet, doch die Skulptur wurde 1932 von der militanten bretonischen Gruppe Gwen ha Du in die Luft gesprengt. Der Sockel blieb danach ganz bewusst leer.
Wer hat das Rathaus von Rennes entworfen?
Das Gebäude wurde nach dem großen Brand von 1720 von Jacques V. Gabriel entworfen, dem Ersten Architekten des Königs. Der Bau begann 1734 und wurde 1743 vollendet.
Was verbindet das Rathaus und das Opernhaus architektonisch?
Die Oper von Rennes aus dem 19. Jahrhundert direkt gegenüber auf der Place de la Mairie wurde mit einer gerundeten, konvexen Fassade gebaut, die sich wie das passende Gegenstück an die konkave Wölbung des Rathauses schmiegt.
