Rathaus von Rennes: Geschichte und Architektur
Architektur und Wiederaufbau nach dem Brand
Das Rathaus von Rennes (Hôtel de Ville de Rennes) bildet das bürgerliche Herzstück der Place de la Mairie. Nach dem verheerenden Großbrand von 1720, der weite Teile der Stadt in Schutt und Asche legte, erhielt der königliche Hofarchitekt Jacques Gabriel (premier architecte du Roi) den Auftrag, das städtische Zentrum neu zu entwerfen. Die Bauarbeiten begannen 1734 mit der Grundsteinlegung und endeten 1743. Aus Quadermauerwerk errichtet, verbindet der Bau klassizistische und barocke Elemente. So schlägt er gekonnt die Brücke zwischen dem erhaltenen mittelalterlichen Fachwerkviertel im Norden und dem planmäßig angelegten Steinraster des 18. Jahrhunderts.
Gabriels Masterplan vereinte drei unverzichtbare städtische Funktionen unter einer einzigen, harmonischen Fassade: Der Südflügel beherbergte die Stadtverwaltung, der Nordflügel das königliche Gericht (Présidial), und in der Mitte erhob sich ein zurückgesetzter Uhren- und Glockenturm (Tour de l’Horloge). Typisch für das Ensemble sind zwei symmetrische, nach vorn geschwungene Pavillons, die den Mittelturm einrahmen und dem Platz eine einladende, konkave Silhouette verleihen.
Die leere Nische und bretonische Politik
Direkt unter dem zentralen Uhrenturm klafft eine markante klassizistische Rundbogennische, die seit fast einem Jahrhundert leer steht. 1754 zog hier eine Bronzeskulpturengruppe von Jean-Baptiste Lemoyne ein. Sie zeigte Ludwig XV. über einer allegorischen Darstellung der Bretagne, gestiftet als Dank für die königlichen Wiederaufbaugelder. Während der Französischen Revolution wurde das Denkmal kurzerhand abmontiert und eingeschmolzen.
1911 füllte ein neues Monument des Bildhauers Jean Boucher die Lücke, das an den Zusammenschluss der Bretagne mit Frankreich im Jahr 1532 erinnern sollte. Das Werk zeigte Herzogin Anne de Bretagne auf Knien vor Frankreich, was vor Ort für offene Empörung sorgte. Man spottete bitter über "La Bretagne à genoux" (die Bretagne auf Knien). Am Morgen des 7. August 1932, pünktlich zum 400. Jahrestag des Abkommens, jagte die militante bretonische Nationalistenbewegung Gwenn ha Du die Statue mit einem Sprengsatz in die Luft. Um keinen weiteren regionalpolitischen Sprengstoff zu liefern, verzichtete die Stadtverwaltung auf einen Ersatz. Seither bleibt die Steinnische dauerhaft leer.
Moderne Aufgaben und das Panthéon Rennais
Bis heute schlägt im Rathaus das funktionale Herz der Lokalpolitik. Hier befinden sich das Büro der Stadtspitze, der Sitzungssaal des Stadtrats und das Standesamt für Trauungen.
Im Erdgeschoss des Nordpavillons liegt das Panthéon Rennais. Nach dem Ersten Weltkrieg vom Stadtarchitekten Emmanuel Le Ray entworfen, dient diese öffentliche Halle als städtische Gedenkstätte für die Bürger von Rennes, die im Kriegseinsatz ihr Leben ließen.
Architektonische Harmonie und tierische Untermieter
Das Rathaus von Rennes führt einen faszinierenden architektonischen Dialog über die Place de la Mairie hinweg. Genau gegenüber steht die Oper von Rennes, deren konvex gerundete Fassade ganz bewusst als Gegenstück zur konkaven Biegung von Gabriels Ensemble gestaltet wurde.
Auch der Glockenturm wahrt eine lange Tradition: Er übernahm den Dienst des einstigen mittelalterlichen Uhrenturms, in dem früher eine legendäre Riesenglocke namens La Grosse Françoise die Stunde schlug. Heute bietet die historische Steinmetzkunst sogar tierischen Großstadtbewohnern ein Refugium: Unter den kunstvollen Gesimsen und Friesen von Gabriels Dachlinie nistet eine nachweislich etablierte Kolonie von Mehlschwalben (hirondelles de fenêtre).
FAQ
Warum ist die Nische unter dem Uhrenturm leer?
Die Nische steht seit dem 7. August 1932 leer. Damals zerstörte die bretonische Nationalistenbewegung Gwenn ha Du ein umstrittenes Standbild von 1911, das Anne de Bretagne kniend vor Frankreich zeigte. Um weiteren politischen Zündstoff zu vermeiden, verzichtete die Stadtverwaltung auf einen Ersatz.
Wer hat das Rathaus von Rennes entworfen?
Das Rathaus von Rennes wurde von Jacques Gabriel, premier architecte du Roi, im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Großbrand von 1720 entworfen. Die Bauarbeiten dauerten von 1734 bis 1743.
Was ist das Panthéon Rennais im Rathaus?
Das Panthéon Rennais ist eine öffentliche städtische Gedenkhalle im Erdgeschoss des Nordpavillons. Sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg vom Architekten Emmanuel Le Ray gestaltet.
Wie korrespondiert das Rathaus von Rennes mit der Oper?
Die Oper von Rennes liegt dem Rathaus an der Place de la Mairie direkt gegenüber. Ihre konvexe Fassade wurde eigens so entworfen, dass sie den geschwungenen, konkaven Bogen von Gabriels Rathausbau perfekt ergänzt.
