
Stiftskirche Baden-Baden: Geschichte und Kunst
Ein Wahrzeichen auf dem Florentinerberg
Die Stiftskirche Baden-Baden, offiziell als Stiftskirche Liebfrauen bekannt und historisch den Aposteln Petrus und Paulus geweiht, thront am Marktplatz 15 auf dem Florentinerberg. Eingebettet direkt unterhalb des Neuen Schlosses und unmittelbar über dem Friedrichsbad sowie den römischen Badruinen verbindet sie seit Jahrhunderten das traditionsreiche Bäderviertel mit dem einstigen Herrschaftssitz der Markgrafen. Sie gilt als das älteste durchgehend genutzte Gebäude der Stadt und bildet einen integralen Bestandteil der UNESCO-Welterbestätte „Bedeutende Kurstädte Europas“.
Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Kirche im Jahr 987 im Rahmen einer Schenkung von Kaiser Otto III. Archäologische Grabungen zeigen jedoch, dass tief unter ihren Grundmauern antike römische Siedlungsreste und Fundamente von Thermen schlummern. Im April 1453 erwirkte Markgraf Jakob I. die päpstliche Genehmigung, das damalige Gotteshaus zu einem Kollegiatstift zu erheben, und löste damit ein altes Gelübde seines Vaters, Markgraf Bernhard I., ein.
Jahrhunderte im architektonischen Wandel
Das Bauwerk vereint auf faszinierende Weise Romanik, Gotik und Barock. Die Basis des Turms ruht auf romanischen Fundamenten aus dem 13. Jahrhundert, während das Langhaus als Staffelhalle und der Chor zwischen 1453 und 1474 in spätgotischen Formen neu errichtet wurden.
Als französische Truppen 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg die Stadt in Brand steckten, wurde auch die Kirche schwer gezeichnet. Der barocke Wiederaufbau des 18. Jahrhunderts fand 1751 seinen krönenden Abschluss, als das spätgotische Oktogon eine geschwungene Welsche Haube erhielt, die den Turm auf seine markanten 68 Meter Höhe brachte. Tritt man heute in den Chor, fällt der Blick unweigerlich auf die hohen gotischen Lanzettfenster, durch die das Nachmittagslicht bricht und weich über die hellgrauen Rippengewölbe und Grabdenkmäler wandert.
Die Grablege der Markgrafen
Von 1391 bis 1793 diente das Gotteshaus als offizielle Grablege der römisch-katholischen Linie des Hauses Baden. Markgraf Rudolf VII. fand 1391 als erster Herrscher seine letzte Ruhe im Chor und brach damit mit der langen Familientradition, sich im Kloster Lichtenthal bestatten zu lassen. In den folgenden vier Jahrhunderten wurden hier 14 regierende Markgrafen von Baden samt ihren Angehörigen beigesetzt.
Heute präsentiert der Chor ein lückenloses, vier Jahrhunderte umspannendes Panorama fürstlicher Grabkunst, von spätgotischen Grabplatten und Renaissance-Reliefs bis hin zu theatralischen Barockepitaphien und klassizistischen Sarkophagen. Unbestrittener Blickfang an der nördlichen Chorwand ist das hochbarocke Prunkmonument für Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655–1707), den legendären „Türkenlouis“. Das Denkmal inszeniert seine Triumphe als kaiserlicher Feldherr in den Türkenkriegen mit militärischen Trophäen, allegorischen Figuren und angeketteten Gefangenen, stilistisch unübersehbar von den königlichen Monumenten am Hof Ludwigs XIV. inspiriert.
Historische Schätze
Im Inneren der Kirche verbergen sich bedeutende Kunstschätze aus Mittelalter und Renaissance. Mitten im Chor steht ein monumentales Steinkruzifix von 1467, das Niclaus Gerhaert van Leyden virtuos aus einem einzigen Sandsteinblock schlug. Berühmt für seinen geradezu anatomischen Realismus, trotzte die Skulptur bis 1967 Wind und Wetter auf dem Kirchhof, bevor man sie aus Konservierungsgründen ins Trockene holte. Eine juristische Besonderheit: Das Kruzifix gehört bis heute der Stadt Baden-Baden und nicht der Kirchengemeinde.
Ebenfalls bemerkenswert ist das rund 13 Meter hohe, filigran durchbrochene Sakramentshaus aus Stein um 1490. Dieser meisterhafte gotische Turm überstand sowohl die Wirren der Reformation als auch die verheerende Zerstörung des Stadtbrandes von 1689 vollkommen unversehrt.
Gemeindeleben und Erhalt heute
Das Kollegiatstift wurde 1808 im Zuge der Säkularisation aufgelöst, doch die Kirche behielt ihren ehrwürdigen Titel und blieb die katholische Hauptpfarrkirche von Baden-Baden. Heute ist sie das geistliche Herzstück der Seelsorgeeinheit Baden-Baden im Erzbistum Freiburg.
Nach einer aufwendigen, 7,2 Millionen Euro teuren Generalsanierung, bei der die Denkmäler im Chor restauriert, die Beleuchtung modernisiert und der Turm statisch gesichert wurden, öffnete die Kirche im April 2023 wieder ihre Portale. Neben den regulären Gottesdiensten sowie anspruchsvollen Orgel- und Chorkonzerten steht sie Besuchern außerhalb der Liturgie täglich offen.
FAQ
Warum ist die Stiftskirche Baden-Baden historisch so bedeutend?
Sie ist das älteste durchgehend genutzte Gebäude in Baden-Baden, Teil der UNESCO-Welterbestätte „Bedeutende Kurstädte Europas“ und diente von 1391 bis 1793 als offizielle Grablege der katholischen Linie des Hauses Baden.
Wem gehört das Kruzifix aus dem Jahr 1467 in der Kirche?
Das Sandsteinkruzifix von 1467, geschaffen von Niclaus Gerhaert van Leyden, ist Eigentum der Stadt Baden-Baden und nicht der Pfarrei. Bis 1967 stand es im Freien auf dem ehemaligen Kirchhof.
Welche Baustile sind in der Kirche zu sehen?
Die Kirche vereint einen romanischen Turmsockel aus dem 13. Jahrhundert, eine spätgotische Staffelhalle samt Chor aus den Jahren 1453 bis 1474 und eine barocke Welsche Haube, die dem 68 Meter hohen Turm 1751 aufgesetzt wurde.



