Berlins Denkmal für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus
Im Herzen des Berliner Tiergartens steht das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen als ergreifendes Mahnmal für eine lange übersehene Opfergruppe. Es befindet sich in der Ebertstraße, direkt gegenüber dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas, und wurde am 27. Mai 2008 offiziell eingeweiht. Es dient nicht nur als Ort des Gedenkens, sondern auch als ein starkes, fortwährendes Zeichen gegen Intoleranz und Ausgrenzung.
Gestaltung und Symbolik
Das Denkmal wurde vom skandinavischen Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset entworfen und ist ein großer, asymmetrischer Betonquader. Seine Form nimmt bewusst die Stelen des nahegelegenen Jüdischen Denkmals auf, schafft so eine visuelle Verbindung und unterstreicht gleichzeitig die besondere Geschichte der Verfolgung Homosexueller. Der Bau ist etwa 3,60 Meter hoch und 1,90 Meter breit.
Ein zentrales Merkmal ist ein kleines, quadratisches Fenster an einer der Seiten. Durch diese Öffnung blickt man auf einen Film in Endlosschleife, der eine Szene gleichgeschlechtlicher Zuneigung zeigt. Dieses dynamische Element soll die beständige Liebe und menschliche Verbundenheit symbolisieren. Der Film selbst wird regelmäßig ausgetauscht. Die Werke werden bei verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern in Auftrag gegeben, darunter der ursprüngliche Beitrag der Designer und ein späterer der israelischen Künstlerin Yael Bartana. Auch der Standort des Denkmals ist von Bedeutung, da der Tiergarten historisch als bekannter Treffpunkt für schwule Männer in Berlin galt.
Eine Geschichte der Verfolgung
Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte Berlin eine lebendige schwule Szene. Das galt trotz des Paragraphen 175, einem Gesetz, das homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, aber nicht immer streng durchgesetzt wurde. Die Stadt beherbergte Magnus Hirschfelds weltberühmtes Institut für Sexualwissenschaft, ein wegweisendes Zentrum für die Erforschung sexueller Vielfalt.
Diese relative Toleranz fand mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 ein jähes Ende. Das NS-Regime begann eine brutale Repressionskampagne. Im Mai 1933 wurde das Institut für Sexualwissenschaft geplündert und seine Bibliothek mit 12.000 Büchern öffentlich verbrannt. Die Verfolgung verschärfte sich 1935 mit einer Neufassung des Paragraphen 175, die das Gesetz so erweiterte, dass schon ein Kuss zwischen Männern strafbar war. Schätzungsweise 100.000 Männer wurden auf Grundlage dieses Gesetzes verhaftet und etwa 50.000 von ihnen verurteilt. Zwischen 5.000 und 15.000 dieser Männer kamen in Konzentrationslager. Dort mussten sie den Rosa Winkel tragen und litten unter einer Todesrate, die auf bis zu 60 Prozent geschätzt wird.
Der lange Weg zum Gedenken
Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte den homosexuellen Opfern weder Anerkennung noch Gerechtigkeit. Sie wurden nicht offiziell als Opfergruppe anerkannt, und Entschädigungszahlungen wurden ihnen verweigert. Erschreckenderweise blieb der Paragraph 175 in Westdeutschland in Kraft, und Männer wurden weiterhin nach demselben Gesetz verfolgt, das schon die Nationalsozialisten angewandt hatten. Das Gesetz wurde 1969 nur teilweise reformiert und erst 1994 vollständig abgeschafft.
Die Bewegung zum Gedenken an diese ‚vergessenen Opfer‘ nahm in den 1980er-Jahren an Fahrt auf. 1985 erkannte Bundespräsident Richard von Weizsäcker Homosexuelle öffentlich als Opfergruppe an. Am 17. Mai 2002 sprach der Deutsche Bundestag eine offizielle Entschuldigung aus und hob die Verurteilungen auf, die während der NS-Zeit auf Grundlage des Paragraphen 175 erfolgt waren. Nach jahrelangem Aktivismus von Gruppen wie dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) genehmigte der Bundestag 2003 den Bau eines nationalen Denkmals, das 2008 eingeweiht wurde.
Das Denkmal heute
Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen ist für die Öffentlichkeit rund um die Uhr zugänglich. Eine Tafel in deutscher und englischer Sprache liefert den historischen Kontext zur Verfolgung und den langwierigen Auswirkungen des Paragraphen 175. Das Denkmal dient als Ort der stillen Einkehr und als eindringliche Mahnung an historisches Unrecht. Es steht in der heutigen Welt als ‚ständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung von Schwulen und Lesben‘.
FAQ
Was ist das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen?
Es ist ein Denkmal im Berliner Tiergarten, das den Tausenden von Homosexuellen gewidmet ist, die vom NS-Regime verhaftet, inhaftiert und ermordet wurden. Es wurde von den Künstlern Michael Elmgreen und Ingar Dragset entworfen und 2008 der Öffentlichkeit übergeben.
Warum war der Paragraph 175 für die deutsche Geschichte so bedeutend?
Der Paragraph 175 war ein deutsches Gesetz, das homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Die Nationalsozialisten verschärften es 1935 drastisch, was zur Verhaftung von rund 100.000 Männern führte. Das Gesetz blieb nach dem Krieg in Westdeutschland in Kraft und wurde erst 1994 vollständig abgeschafft.
Was sieht man am Denkmal?
Das Denkmal ist ein großer Betonquader mit einem kleinen Fenster. Durch das Fenster blickt man auf einen Film in Endlosschleife, der eine Szene gleichgeschlechtlicher Zuneigung zeigt. Der Film, der regelmäßig ausgetauscht wird, soll beständige Liebe und Verbundenheit symbolisieren.
Wo in Berlin befindet sich das Denkmal?
Das Denkmal befindet sich in der Ebertstraße im Tiergarten, direkt gegenüber dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Dieser Standort ist historisch bedeutsam, da der Park einst ein Treffpunkt für schwule Männer war.
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