Ziel

Anhalter Bahnhof: Berlins verlorenes Tor zum Süden

Berlin, Germany

Aufstieg eines Großstadtbahnhofs

Der ursprünglich 1841 eröffnete Anhalter Bahnhof wurde mit der Einweihung seines neuen, prachtvollen Baus am 15. Juni 1880 zu einer Ikone Berlins. Der von Kaiser Wilhelm I. enthüllte Bahnhof wurde vom Architekten Franz Heinrich Schwechten im Stil der Neorenaissance entworfen. Seine Bahnsteighalle war mit 170 Metern Länge, 62 Metern Breite und 34 Metern Höhe ein architektonisches Wunderwerk und machte ihn zum größten Bahnhof Deutschlands und damals auch Kontinentaleuropas.

Bekannt als Berlins „Tor zum Süden“, war der Bahnhof ein belebter Knotenpunkt, der die Hauptstadt mit Städten wie Leipzig, München, Wien, Rom und Athen verband. In den 1930er Jahren fertigte er täglich rund 44.000 Fahrgäste ab, wobei von seinen sechs Gleisen alle paar Minuten Züge abfuhren. Eine Besonderheit war ein 100 Meter langer unterirdischer Tunnel, der zwischen 1927 und 1928 gebaut wurde und den Bahnhof direkt mit dem Hotel Excelsior, dem damals größten Hotel Europas, verband.

Ein dunkles Kapitel

Während des Zweiten Weltkriegs nahm die Geschichte des Anhalter Bahnhofs eine düstere Wendung. Zwischen 1941 und 1945 nutzte das NS-Regime ihn als einen von drei Hauptbahnhöfen für die systematische Deportation der jüdischen Bevölkerung Berlins. Rund 9.600 Jüdinnen und Juden wurden von hier aus in 116 Züge gezwungen, die vor allem in das Ghetto Theresienstadt in der von den Nazis besetzten Tschechoslowakei fuhren. Um keinen Verdacht zu erregen, wurden für diese Deportationen oft reguläre Personenwagen eingesetzt.

Zerstörung und Teilung

Bei Bombenangriffen der Alliierten erlitt der Bahnhof katastrophale Schäden, insbesondere am 23. November 1943 und erneut im Februar 1945. Obwohl er nach dem Krieg teilweise wieder in Betrieb war, wurde sein Schicksal durch die Politik des Kalten Krieges besiegelt. Mit der Teilung Berlins wurden seine Gleise, die in die spätere DDR führten, gekappt. 1952 leitete die Deutsche Reichsbahn der DDR den gesamten Verkehr zum Ostbahnhof im sowjetischen Sektor um, wodurch der Anhalter Bahnhof überflüssig wurde.

Trotz öffentlicher Proteste begann am 25. August 1960 der Abriss des schwer beschädigten Hauptgebäudes. Die Arbeiten waren innerhalb von zwei Tagen weitgehend abgeschlossen und ließen nur ein kleines, eindringliches Fragment seiner prachtvollen Fassade stehen.

Das Gelände heute und in Zukunft

Heute dient der erhaltene Teil der Bahnhofsfassade als eindrucksvolles Mahnmal an den Zweiten Weltkrieg, eine deutliche Erinnerung an die turbulente Vergangenheit der Stadt. Unter dem ehemaligen Bahnhofsgelände ist die 1939 eröffnete S-Bahn-Station „Anhalter Bahnhof“ weiterhin voll in Betrieb und bedient mehrere Linien.

Das riesige Areal, auf dem einst die Gleise lagen, wurde in einen Sportplatz umgewandelt. Der markante Konzert-Veranstaltungsort Tempodrom mit seiner zeltartigen Architektur und das Spa Liquodrom nehmen heute Teile des ehemaligen Bahnhofsgeländes ein. Eine Gedenktafel in der Nähe der Ruine erinnert an die von hier deportierten jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Mit Blick auf die Zukunft soll 2026 neben der Fassade ein neues Exilmuseum eröffnet werden, das sich dem Thema Exil und Gedenken widmet.

FAQ

Was ist heute vom Anhalter Bahnhof übrig?

Vom Anhalter Bahnhof ist nur noch ein erhaltenes Fragment seiner monumentalen Fassade übrig, das als Mahnmal an den Zweiten Weltkrieg dient. Unter dem Gelände verkehrt weiterhin die gleichnamige unterirdische S-Bahn-Station. Das Areal selbst ist heute größtenteils ein Sportplatz und Standort des Veranstaltungsortes Tempodrom.

Warum wurde der Anhalter Bahnhof abgerissen?

Nach schweren Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde der Bahnhof 1952 geschlossen, da die Teilung Berlins im Kalten Krieg seine Bahnstrecken unterbrach. Die Deutsche Reichsbahn der DDR stufte ihn als überflüssig ein, woraufhin das Hauptgebäude 1960 abgerissen wurde.

Welche Rolle spielte der Anhalter Bahnhof während des Holocaust?

Zwischen 1941 und 1945 war der Anhalter Bahnhof einer der Hauptbahnhöfe, die von den Nationalsozialisten für die Deportation von Berliner Jüdinnen und Juden genutzt wurden. Rund 9.600 Menschen wurden von hier aus in 116 Zügen in das Ghetto Theresienstadt verschleppt.

War der Anhalter Bahnhof der größte Bahnhof Europas?

Als sein Neubau 1880 fertiggestellt wurde, war der Anhalter Bahnhof der größte Bahnhof in Deutschland und auf dem europäischen Festland. Seine Haupthalle war 170 Meter lang und 34 Meter hoch.

More places in Berlin