
Imperia in Konstanz: ein satirisches Wahrzeichen im Hafen
Heimlich bei Nacht und Nebel aufgestellt, um empörte Stadtobere zu überrumpeln, dreht sich heute eine neun Meter hohe Kurtisane im Konstanzer Hafen und begrüßt alle Ankommenden. Auf der Spitze des Stegs, genau dort, wo der Bodensee in den Rhein übergeht, thront die Imperia, das unverwechselbare Wahrzeichen der Uferpromenade.
Eine heimliche Aufstellung
Geschaffen vom Bodensee-Künstler Peter Lenk, wurde die aus Beton gegossene Imperia am 24. April 1993 enthüllt. Ihr Auftauchen war alles andere als gewöhnlich. Um den erbitterten Widerstand konservativer Lokalpolitiker und Kirchenvertreter zu umgehen, wurde das 18 Tonnen schwere Monument im Schutz der Dunkelheit herbeigeschafft. Aufgestellt wurde sie auf Hafengrund der Deutschen Bundesbahn, womit dem Konstanzer Stadtrat schlicht die rechtliche Handhabe fehlte, sie wieder abreißen zu lassen.
Satirische Symbolik
Die Skulptur zeigt eine üppige Kurtisane, die auf ihren offenen Händen zwei winzige, splitternackte Männlein balanciert. Die eine Figur trägt Kaiserkrone und Reichsapfel, ein Sinnbild für König Sigismund und die weltliche Macht. Die andere trägt die Tiara von Papst Martin V., Symbol der geistlichen Herrschaft. Ihrer Gewänder beraubt und nur noch mit überdimensionierten Kopfbedeckungen bestückt, verkörpern die beiden laut Künstler eher Narren, die sich mit den Insignien der Macht schmücken, als konkrete historische Personen. Und als kleine Spitze obenauf ziert Imperias Haube ein Eichenlaubzweig, eine satirische Anspielung auf das Wappen der Papstfamilie Della Rovere.
Literarischer Ursprung und historische Wahrheit
Die Statue nimmt Bezug auf das Konstanzer Konzil (1414 bis 1418), jenes Kirchenparlament, das mit der Wahl von Papst Martin V. das Große Abendländische Schisma beendete. Die Idee zum Monument entspringt jedoch reiner Fiktion. Lenk ließ sich von Honoré de Balzacs satirischer Erzählung „La Belle Impéria“ aus dem 19. Jahrhundert inspirieren, die die Scheinheiligkeit von Klerus und Adel während des Konzils aufs Korn nimmt. Doch während Balzac sie kurzerhand an den Bodensee verpflanzte, lebte die historische italienische Kurtisane Imperia Cognati fast ein Jahrhundert später im Rom der Renaissance. Konstanz hat sie in Wirklichkeit nie gesehen.
Ein modernes Kulturdenkmal
Heute steht die Imperia auf einem Drehsockel, der sich alle vier Minuten einmal um die eigene Achse dreht. Diese langsame, stetige Bewegung sorgt vom Ufer aus für immer neue Blickwinkel, vom vielsagenden Lächeln der Kurtisane bis zu den Silhouetten der winzigen Herrscher vor der Weite des Sees. Im Jahr 2024 wurde die Skulptur offiziell als Kulturdenkmal des Landes Baden-Württemberg anerkannt. Neben ihrer künstlerischen und geschichtlichen Strahlkraft erfüllt ihr Sockel übrigens auch einen ganz pragmatischen Zweck: In ihn ist ein aktiver Pegelmesser für den Bodensee integriert.
FAQ
Wen stellt die Imperia-Statue in Konstanz dar?
Die Statue stellt eine fiktionalisierte Kurtisane dar, die auf Honoré de Balzacs satirischer Erzählung „La Belle Impéria“ basiert. Auf ihren offenen Händen hält sie zwei nackte Miniaturfiguren als Sinnbilder weltlicher und geistlicher Macht, namentlich König Sigismund und Papst Martin V.
Warum wurde die Imperia-Statue heimlich aufgestellt?
Bildhauer Peter Lenk ließ die Statue heimlich bei Nacht auf einem Bahngelände antransportieren und aufstellen. So umging er den erbitterten Widerstand lokaler Konservativer und Kirchenvertreter, und die Stadt hatte rechtlich keine Handhabe, das Kunstwerk wieder entfernen zu lassen.
Wie oft dreht sich die Imperia-Statue?
Das Denkmal steht auf einem Drehsockel, der sich alle vier Minuten einmal um volle 360 Grad dreht.



