
St. Stephan: Konstanz' älteste Pfarrkirche
Lass deinen Blick vom ruhigen Kopfsteinpflaster des St.-Stephans-Platzes an den markanten architektonischen Details von St. Stephan hinaufwandern. Nur ein Stück südlich des Münsters gelegen, gilt St. Stephan als älteste Kirchengründung und ursprüngliche Pfarrkirche von Konstanz.
Ein bürgerliches Gegengewicht
Einst außerhalb der spätrömischen Befestigung gelegen, entstand St. Stephan vermutlich über einem spätantiken Gräberfeld. Um 680 n. Chr. erstmals urkundlich erwähnt, wurde hier um 900 ein Chorherrenstift eingerichtet. Nachdem die Ungarnstürme Verwüstung hinterlassen hatten, baute Bischof Noting das Gotteshaus um 934 wieder auf. Bis 1130 entstand eine romanische Basilika, die den wohlhabenden Bürgern als stolze Markt- und Bürgerkirche diente. Damit bildete St. Stephan ein sichtbares Gegengewicht zum fürstbischöflichen Bezirk am nahegelegenen Münster.
Gerichtssaal des Konstanzer Konzils
Während des Konstanzer Konzils von 1414 bis 1418 übernahm St. Stephan eine überraschende Rolle. Während andernorts theologische Grundsatzdebatten tobten, verwandelte sich die mittelalterliche Bürgerkirche in die Römische Rota, den Sitz des obersten Berufungsgerichts der katholischen Kirche. Spuren dieser Konzilstage finden sich noch heute an der nördlichen Langhauswand. Ein Sandsteinepitaph von 1415 erinnert an Adolf Dominicus Bruwer, den Kämmerer der Stadt Köln, der während seiner Teilnahme am historischen Konzil verstarb und hier beigesetzt wurde.
Die große architektonische Kehrtwende
Ab 1428 wurde St. Stephan einer umfassenden spätgotischen Umgestaltung unterzogen, die ihren Grundriss radikal veränderte. Man verdoppelte die Breite der Seitenschiffe, verlängerte das Langhaus und begann 1483 mit dem Bau des asymmetrisch versetzten Südturms. Das Bemerkenswerteste daran: Die Baumeister drehten die Ausrichtung der Kirche komplett um. Besaß die romanische Basilika aus dem 12. Jahrhundert noch einen Westchor, wurde der Innenraum im 15. Jahrhundert um 180 Grad gewendet, um eine klassische Ostung mit polygonalem Ostchor zu schaffen.
Vom Bildersturm zur barocken Eleganz
Im 16. Jahrhundert erlebte das Kircheninnere turbulente Umbrüche. Als sich St. Stephan 1527 der zwinglianischen Reformation anschloss, räumte der Bildersturm die mittelalterliche Ausstattung fast restlos ab. Nach der kaiserlichen Wiedereingliederung von Konstanz in den Jahren 1548 und 1550 wurde die Kirche rekatholisiert. Heute bilden die hohen, schlichten gotischen Arkaden mit ihren einfachen Pfeilern einen reizvollen Kontrast zu späteren Ergänzungen. Verwitterte Sandsteinreliefs, gotische Inschriften und eine steinerne Petrusfigur aus dem 16. Jahrhundert schmücken das Langhaus. Das Chorgewölbe wiederum präsentiert sich im prachtvollen Barockgewand von etwa 1770, gekrönt von großformatigen Deckenfresken von Franz Ludwig Herrmann.
St. Stephan heute
Auch wenn das Stift im Zuge der Säkularisation 1807 aufgelöst wurde, verlor das Gebäude nie seine Bestimmung. Geweiht dem heiligen Stephanus und in der frühen Neuzeit zusätzlich dem heiligen Nikolaus, dient St. Stephan bis heute als lebendige römisch-katholische Pfarrkirche. Neben regelmäßigen Gottesdiensten und Konzerten steht sie tagsüber allen offen, die durch die Gassen der historischen Altstadt streifen.
FAQ
Welcher Baustil prägt St. Stephan?
St. Stephan ist im Kern eine dreischiffige spätgotische Basilika mit Hauptschiff, verbreiterten Seitenschiffen, einem asymmetrisch versetzten Südturm und einem polygonalen Ostchor. Das Chorgewölbe wurde um 1770 mit barocken Deckenfresken von Franz Ludwig Herrmann ausgestaltet.
Welche Rolle spielte St. Stephan während des Konstanzer Konzils?
Während des Konstanzer Konzils (1414–1418) diente St. Stephan als Römische Rota und damit als offizieller Sitz des obersten päpstlichen Berufungsgerichts.
Warum wurde die Ausrichtung der Kirche umgekehrt?
Beim spätgotischen Umbau ab 1428 drehten die Baumeister die Ausrichtung des Innenraums um 180 Grad. So wandelte sich der ursprünglich nach Westen ausgerichtete Chor der romanischen Basilika aus dem 12. Jahrhundert in eine traditionelle Ostung.



