Altes Rathaus Lindau: Geschichte und Fassadenmalereien - Lindau-bodensee
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Altes Rathaus Lindau: Geschichte und Fassadenmalereien

Lindau-bodensee, Germany

Das Alte Rathaus gehört zu den markantesten Wahrzeichen der Lindauer Insel. Mitten in der Fußgängerzone der Maximilianstraße zwischen Bismarckplatz und Reichsplatz gelegen, bildet das Gebäude die optische wie bürgerschaftliche Brücke zwischen der Haupteinkaufsstraße und den Plätzen hinunter zum Hafen.

Neben dem Bayerischen Löwen und dem Leuchtturm an der Hafeneinfahrt ist das Alte Rathaus das wichtigste Monument für Lindaus historischen Status als freie Reichsstadt.

Ursprünge und der Reichstag von 1496

Die Bauarbeiten begannen 1422 und fanden 1436 ihren Abschluss. Entstanden war ein gotisches Rathaus, das das bürgerliche Selbstbewusstsein der Stadt demonstrativ zur Schau stellte, sehr zum Missfallen des regionalen Adels. Der holzgetäfelte Ratssaal erlangte 1496 reichsweite Bedeutung, als König Maximilian I. den Reichstag des Heiligen Römischen Reiches genau hierher einberief.

Obwohl König Maximilian die Versammlung einberufen hatte, war er in Italien in Kriegshandlungen verwickelt und erschien nie persönlich zu den Sitzungen. Stattdessen führte sein Sohn Philipp der Schöne in seiner Abwesenheit den Vorsitz.

Architektonischer Wandel und Bilderbuchfassaden

Das heutige Erscheinungsbild des Rathauses erzählt von jahrhundertelangen Stilwechseln. 1576 erhielt das Gebäude markante Renaissance-Treppengiebel, und entlang der Dachkante wurden Glocken angebracht, die 1617 gegossen worden waren.

Zwischen 1885 und 1887 leitete der Münchner Architekt Friedrich von Thiersch eine umfassende historisierende Neugestaltung der Fassade. Dabei entstanden die farbenfrohen, detailreichen Freskenzyklen, die das Gebäude bis heute prägen. Die zwischen 1972 und 1975 restaurierten Wandmalereien zeigen Episoden der Lindauer Stadtgeschichte, Szenen des Reichstags von 1496 sowie Allegorien auf Gerechtigkeit und Frömmigkeit.

Das Gebäude präsentiert auf seinen beiden Schauseiten ganz unterschiedliche Facetten:

  • Nordfassade (Bismarckplatz): Dominiert von einer überdachten, vorspringenden Holztreppe, die zum Verkündererker führt. Darüber sitzt eine mit Lindauer Patrizierwappen verzierte Uhr, gekrönt von Treppengiebeln und einer geschnitzten Linde.
  • Südfassade (Reichsplatz): Geprägt von großflächigen Historienfresken, einer astronomischen Sonnenuhr und Renaissance-Treppengiebeln.

Vom Verkündererker an der Holztreppe aus verkündeten die Ratsherren einst Gesetze, Erlasse und Urteile dem versammelten Volk. Bildtafeln mit den Zehn Geboten zieren den Erker und sollten die Stadtoberen stets an Recht und Moral erinnern.

Der Freskenstreit von 1930

Nicht jede künstlerische Zutat stieß auf ungeteilte Begeisterung. 1930 malte der Künstler Wilhelm Nida-Rümelin neue Szenen an die Fassade, darunter einen Totentanz.

Die Darstellung eines allegorischen Gerippes, das eine nackte junge Frau umschlingt, entfachte einen handfesten Skandal. Die konservative Bayerische Volkspartei lief Sturm gegen das Werk und forderte dessen sofortige Beseitigung.

Ehemals Reichsstädtische Bibliothek und heutige Nutzung

Während Lindaus alltägliche Verwaltung längst auf das Festland umgezogen ist, schlägt im Alten Rathaus noch immer das Herz des bürgerlichen Lebens. In den holzgetäfelten Sälen der oberen Stockwerke finden Stadtratssitzungen, offizielle Empfänge, Ausschusstreffen und standesamtliche Trauungen statt. Da diese Räume weiterhin aktiv für das Stadtleben genutzt werden, bleiben sie für spontane Besichtigungen geschlossen und sind in der Regel nur im Rahmen von Führungen zugänglich.

Im Erdgeschoss, das ursprünglich als überdachte Markthalle diente, befindet sich heute die Ehemals Reichsstädtische Bibliothek. Diese 1538 während der Reformation gegründete Sammlung umfasst mehr als 13.000 historische Bände, darunter über 140 Inkunabeln (Drucke aus der Zeit vor 1501) sowie eine vollständige Originalausgabe der Lutherbibel von 1534. Die Bibliothek dient heute als Ausstellungsraum mit saisonalen Öffnungszeiten.

FAQ

Kann man das Alte Rathaus von innen besichtigen?

Die historischen Ratssäle im Obergeschoss sind für den regulären Publikumsverkehr geschlossen und im Wesentlichen nur bei Stadtführungen zugänglich. Die Ehemals Reichsstädtische Bibliothek im Erdgeschoss dient als Ausstellungsraum mit saisonalen Öffnungszeiten.

Welches historische Ereignis fand 1496 im Alten Rathaus statt?

1496 berief König Maximilian I. den Reichstag des Heiligen Römischen Reiches in den holzgetäfelten Ratssaal ein. Da Maximilian jedoch in Italien kämpfte, übernahm sein Sohn Philipp der Schöne den Vorsitz der Versammlung.

Was verbirgt sich hinter der Ehemals Reichsstädtischen Bibliothek im Gebäude?

Die Bibliothek in der ehemaligen Markthalle im Erdgeschoss wurde 1538 während der Reformation eingerichtet. Sie bewahrt über 13.000 seltene Bände, darunter mehr als 140 Inkunabeln und eine vollständige Lutherbibel von 1534.

Warum war das Wandgemälde von 1930 so umstritten?

Der Künstler Wilhelm Nida-Rümelin ergänzte 1930 eine Totentanz-Szene, auf der ein Skelett eine nackte Frau umschlingt. Das Bild löste einen Sturm der Entrüstung aus und veranlasste die Bayerische Volkspartei, die Beseitigung des Werks zu fordern.

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