
Diebsturm Lindau: Mittelalterlicher Wachturm und Gefängnis
Ein Wächter auf Lindaus Höhen
Direkt neben der Peterskirche am Oberen Schrannenplatz besetzt der Diebsturm die höchste natürliche Erhebung der Lindauer Altstadtinsel. Erbaut um 1370–1380 (in bayerischen Denkmallisten teils auf 1350–1380 datiert), ragt der viergeschossige runde Steinturm gut 35 Meter in die Höhe und misst rund 8 Meter im Durchmesser.
Ursprünglich diente er als unverzichtbarer Wachposten am westlichsten Punkt der mittelalterlichen Ringmauer. Gemeinsam mit dem Mangturm am Hafen und dem Pulverturm gehört der Diebsturm zu den wenigen verbliebenen Wehrtürmen der einstigen Inselbefestigung.
Vom Wachturm zum Stadtgefängnis
Im Lauf der Jahrhunderte verwandelte sich der stolze Wehrturm in ein städtisches Gefängnis. Hier saßen Schuldner, Gelegenheitsdiebe und mutmaßliche Verbrecher bis zu ihrem Prozess ein. Dieser Zweckwechsel verpasste ihm seinen heutigen Namen: Diebsturm. In alten Akten firmierte er allerdings auch als Malefizturm (zuständig für die Hochgerichtsbarkeit bei schweren Delikten) oder als Stadtknechtsturm.
Der Lindauer Volksmund überliefert ein feines Wortspiel über dieses Doppelleben: Während die Wachen hoch oben die beste Aussicht (Aussicht) über den Bodensee genossen, sollten die Häftlinge tief unten in ihren Zellen zur moralischen Besserung und Reue (Einsicht) gelangen.
Markante Architektur
Die Silhouette des Diebsturms lebt vom markanten Kontrast zwischen dem kargen, wuchtigen Steinsockel und seinem filigranen Dachaufbau. Auf dem steinernen Rundbau thront ein steiler, achteckiger Spitzhelm, umringt von vier auskragenden Fachwerkerkern. Diese Schwalbennester wurden exakt nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet, Norden, Süden, Osten und Westen, damit den Wachen auf dem See und den Zufahrtswegen garantiert nichts entging.
Eine grundlegende Sanierung brachte dieses Schmuckstück 2013 wieder auf Hochglanz. Rund 300 Quadratmeter Dachziegel wichen handglasierten historischen Repliken in 14 verschiedenen Farbschattierungen, während das Fachwerk der Eckerker wieder im traditionellen Ochsenblutrot erstrahlte.
Rettung vor dem Abriss und heutiges Gesicht
Nachdem Lindau Anfang des 19. Jahrhunderts seinen Status als Freie Reichsstadt eingebüßt hatte, fielen die veralteten Befestigungsmauern nach und nach der Spitzhacke zum Opfer. Auch der Diebsturm war bereits zum Abriss freigegeben, wurde 1817 jedoch buchstäblich in letzter Minute gerettet: Maurermeister Johann Jacob Götzger erwarb den Turm kurzerhand für 250 Gulden.
Heute bildet der Diebsturm am Oberen Schrannenplatz zusammen mit der Peterskirche, dem alten Zeughaus und der ehemaligen Glockengießerei ein malerisches historisches Ensemble. Auch wenn das Innere für Besucher tabu bleibt: Als Architekturdenkmal und Fotomotiv ist der Turm auf der Insel ein echter Hingucker.
FAQ
Kann man den Diebsturm von innen besichtigen?
Nein, das Innere des Turms ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Er wirkt heute vor allem als markantes architektonisches Denkmal von außen.
Wie entging der Diebsturm im 19. Jahrhundert dem Abriss?
Als Lindau Anfang des 19. Jahrhunderts seine Befestigungsanlagen schleifte, kaufte Maurermeister Johann Jacob Götzger den Turm im Jahr 1817 für 250 Gulden und bewahrte ihn so vor der Zerstörung.
Warum sind die Eckerker nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet?
Die vier Fachwerkerker weisen exakt nach Norden, Süden, Osten und Westen. So hatten die mittelalterlichen Wächter einen freien Rundumblick über den Bodensee und sämtliche Zugangswege.



