
Marktplatz in Lindau: Geschichte, Kirchen und Sehenswürdigkeiten
Das architektonische Doppel: St. Stephan und das Münster
Der Marktplatz ist das historische bürgerliche und religiöse Gegenstück zum maritimen Hafenviertel der Lindauer Insel. Im Osten der Insel direkt an den Stiftsplatz anschließend, beschließt er die Maximilianstraße und bildet einen unverzichtbaren Ankerpunkt auf der historischen Achse vom Hafen über das Alte Rathaus ins Ostquartier.
Die Ostseite des Platzes prägen zwei Kirchtürme Wand an Wand, Zeugnisse einer jahrhundertelang eng verflochtenen Glaubensgeschichte. Die bürgerliche Pfarrkirche, das evangelische St. Stephan, wartet mit einem 58 Meter hohen Turm auf, gekrönt von einer spätbarocken Zwiebelhaube aus dem Jahr 1781. Direkt daneben erhebt sich das römisch-katholische Münster Unserer Lieben Frau, die ehemalige Stiftskirche des Damenstifts, mit einem viereckigen Turm und einer niedrigen achteckigen Haube.
Jahrhunderte konfessioneller Koexistenz
Das städtische Leben rund um den Platz begann zwischen 810 und 817 mit der Gründung eines adeligen Damenstifts. Im Jahr 1079, mitten in den Wirren des Investiturstreits, verlegte man den regionalen Markt aus Sicherheitsgründen vom Festlandort Aeschach auf die befestigte Insel, wodurch sich der Platz zum wirtschaftlichen Dreh- und Angelpunkt entwickelte. Um 1180 errichteten die Bürger direkt neben dem Stiftsbezirk St. Stephan als ihre eigene städtische Pfarrkirche.
Als die Stadt 1528 die lutherische Reformation einführte, trat St. Stephan zum evangelischen Bekenntnis über. Das benachbarte Damenstift hielt jedoch eisern an seinem Status und seiner katholischen Reichsunmittelbarkeit fest. Über Jahrhunderte hinweg hielten evangelische Bürger und katholische Stiftsdamen ihre Gottesdienste Tür an Tür am selben Platz ab. Dieses bemerkenswerte Nebeneinander bestand fort, bis das Stift 1802 säkularisiert wurde.
Wiederaufbau und der Einsturz des Münsters 1987
Ein verheerender Brand legte 1728 das Stifts- und Marktviertel in Schutt und Asche und zog eine Welle von Neubauten in barocken und Rokoko-Formen nach sich. Baumeister Johann Caspar Bagnato baute die katholische Stiftskirche zwischen 1748 und 1752 wieder auf und schuf ein Kirchenschiff, das von zarten Pastelltönen und kunstvollem Goldstuck geprägt war.
Mehr als zwei Jahrhunderte später widerfuhr dieser filigranen Pracht ein dramatisches Unglück. In der Nacht vom 27. auf den 28. September 1987 stürzte die gewaltige Stuckdecke des Münsters krachend ins Kirchenschiff. Die herabstürzenden Trümmer zermalmten ganze Reihen von Holzbänken und beschädigten die Orgel aus dem Jahr 1926 schwer. Da die Abendmesse bereits Stunden zuvor geendet hatte, war die Kirche leer, und niemand kam zu Schaden.
Das Haus zum Cavazzen und der Neptunbrunnen
Die Westseite des Marktplatzes beherrscht das Haus zum Cavazzen, ein stattliches Barockgebäude, das zwischen 1729 und 1730 vom Schweizer Baumeister Jakob Grubenmann errichtet wurde. Grubenmann war vor allem für seine kühnen Brückenkonstruktionen berühmt, und genau dieses Wissen über Holzfachwerke nutzte er hier: Das gewaltige, geschwungene Walmdach kommt völlig ohne tragende Pfeiler im Innenraum aus. Großflächige Fresken schmücken die Außenfassade. Der Name »Cavazzen« geht nach lokaler Überlieferung auf eine lombardische Kaufmannsfamilie namens de Kawatz zurück, die das Anwesen im 16. Jahrhundert bewohnte. Heute beherbergt das Gebäude das Stadtmuseum Lindau, das im Mai 2025 nach einer umfassenden, sechsjährigen Generalsanierung wiedereröffnet wurde.
Im Zentrum des Platzes steht der Neptunbrunnen aus der Zeit um 1840. Er besteht aus einem steinernen Becken, aus dessen Mitte eine Säule emporragt, gekrönt von einer gusseisernen Neptunstatue samt Dreizack.
Platzleben und heutige Nutzung
Heute präsentiert sich der Marktplatz als lebendige Fußgängerzone, gesäumt von den Freisitzen der Cafés und Restaurants. Die Klangkulisse ist unverwechselbar: das leise Plätschern des Neptunbrunnens, untermalt vom Geläut beider Kirchtürme, das von den hohen Barockdächern widerhallt. Zwar ist der reguläre Wochenmarkt auf den nahegelegenen Therese-von-Bayern-Platz umgezogen, doch der Marktplatz bleibt eine stimmungsvolle Bühne für Feste unter freiem Himmel. Und sowohl St. Stephan als auch das Münster Unserer Lieben Frau sind nach wie vor aktive Pfarrkirchen, in denen neben Gottesdiensten auch regelmäßig Konzerte und Orgelabende stattfinden.
FAQ
Warum stehen am Marktplatz zwei verschiedene Kirchtürme direkt nebeneinander?
Als Lindau 1528 die Reformation annahm, wurde die städtische Pfarrkirche St. Stephan lutherisch. Das benachbarte adelige Damenstift hielt jedoch an seiner katholischen Reichsunmittelbarkeit fest. So standen sich auf dem Platz jahrhundertelang zwei unterschiedliche Konfessionen direkt gegenüber und feierten ihre Gottesdienste Wand an Wand.
Was macht die Bauweise des Hauses zum Cavazzen so einzigartig?
Der Schweizer Baumeister Jakob Grubenmann nutzte beim Bau des Hauses zum Cavazzen zwischen 1729 und 1730 Techniken aus dem Holzbrückenbau. Dieser Kunstgriff ermöglichte es, das gewaltige, geschwungene Walmdach völlig frei tragend ohne stützende Pfeiler im Innenraum zu konstruieren.
Was geschah 1987 im katholischen Münster?
In der Nacht vom 27. auf den 28. September 1987 stürzte die schwere Rokoko-Stuckdecke der Kirche mitten ins Kirchenschiff. Die Trümmer zerschlugen die Kirchenbänke und beschädigten die Orgel aus dem Jahr 1926. Verletzt wurde niemand, da die Abendmesse bereits Stunden zuvor geendet hatte.
Findet der Wochenmarkt heute noch auf dem Marktplatz statt?
Obwohl der Platz seit der Verlegung vom Festlandort Aeschach im Jahr 1079 als Marktplatz diente, findet der reguläre Lindauer Wochenmarkt heute ganz in der Nähe auf dem Therese-von-Bayern-Platz statt.



