Historische Altstadt: Wernigerodes historisches Zentrum - Wernigerode
© Wikimedia Commons | CC-BY-SA
Ziel

Historische Altstadt: Wernigerodes historisches Zentrum

Wernigerode, Germany

Das historische Rückgrat von Wernigerode

Die Breite Straße bildet die zentrale Flaniermeile und historische Ost-West-Achse durch Wernigerodes Altstadt. Erstmals 1399 urkundlich erwähnt, verband sie früher das östliche Stadttor, das 1843 abgerissene Rimbecker Tor, quer durch die einstige Neustadt mit dem bürgerlichen Herzstück am Marktplatz und Rathaus. Auch heute führt der wichtigste Fußweg von den äußeren Haltestellen und Parkplätzen schnurstracks hier entlang direkt auf den zentralen Platz.

Das Straßenbild besticht durch eine dichte Reihung mehrgeschossiger Fachwerkhäuser aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. Die Bauten sind Musterbeispiele des niedersächsischen Fachwerkbaus: mit vorkragenden Obergeschossen, kunstvoll geschnitzten Balkenköpfen und einer farbenfrohen Fassung in tiefem Ocker, Ochsenblutrot und dunklen Holztönen. Genau dieses lebendige, ausdrucksstarke Fachwerk brachte den Schriftsteller Hermann Löns einst dazu, Wernigerode als „Die bunte Stadt am Harz“ zu bezeichnen.

Reiche Kaufleute und geschnitzte Fassaden

Nach dem Dreißigjährigen Krieg sorgte der wirtschaftliche Aufschwung dafür, dass die hiesigen Kaufleute repräsentative Bürgerhäuser bauten, um ihren Wohlstand mit aufwendigen Holzschnitzereien zur Schau zu stellen. Statt sich mit schlichter Malerei zu begnügen, meißelten die Handwerker allegorische, mythologische und biblische Reliefs direkt ins Holzgebälk, flankiert von fratzenhaften Neidköpfen und geschwungenen Knaggen.

Eines der prachtvollsten Beispiele ist das Krummelsche Haus in der Breiten Straße 72. Der Kornkaufmann Henricus Krummel ließ es 1674 errichten, und seine Fassade ist nahezu lückenlos mit Holzreliefs überzogen. Die allegorischen Medaillons an der Außenwand orientieren sich an Kupferstichen des flämischen Renaissancekünstlers Adriaen Collaert. Unter den Fensterbrüstungen wurden die vorkragenden Balkenköpfe zu zähnefletschenden Fratzen geschnitzt, apotropäische Masken, die nach altem Volksglauben böse Geister und Unheil abwehren sollten.

Das Krummelsche Haus birgt zudem ein charmantes Missgeschick des Holzschnitzers aus dem 17. Jahrhundert: Die Reliefs für Afrika und Amerika wurden versehentlich vertauscht und passen nicht zu den aufgemalten Beschriftungen darunter, eine kleine Kuriosität, die du an der Fassade bis heute entdecken kannst.

Bemerkenswerte historische Bauten

Mehrere weitere Bürgerhäuser entlang der Breiten Straße veranschaulichen die Entwicklung der regionalen Zimmermannskunst:

  • Café Wien (Breite Straße 4): Dieser 1583 errichtete Fachwerkbau markiert den Übergang von der Spätgotik zur Renaissance und gehört zu den ältesten Häusern der Straße. Seit 1897 wird hier ununterbrochen Kaffee und feinstes Gebäck serviert.
  • Haus Preysser (Breite Straße 71): 1696 für den Seifensieder und Lichtzieher Johann Preysser erbaut, besticht dieses Haus durch ein spätmanieristisches Portal, flankiert von geschnitzten Putten und zwei Männerköpfen mit Turban, die auf die Straße hinabblicken.
  • Krellsche Schmiede (Breite Straße 95): 1678 von Hufschmiedemeister Michael Krell fertiggestellt, ziert die Fassade ein geschnitzter Pferdekopf als stolzes Zunftzeichen des alten Handwerks.

Wiederaufbau und heutiges Leben

Verheerende Stadtbrände zerstörten in den Jahren 1751 und 1851 weite Teile des östlichen Straßenzugs. Der darauffolgende Wiederaufbau im 19. Jahrhundert, wie am Gebäude Breite Straße 19 zu sehen, markierte eine architektonische Kehrtwende: weg von üppigen Schnitzereien, hin zu schlichtem, funktionalem Fachwerk mit sichtbarer Ziegelausfachung.

Heute ist die Breite Straße Wernigerodes Fußgängerzone und lebendige Flaniermeile. Ihre historischen Erdgeschosse sind ganz selbstverständlich in den Alltag der Stadt eingebunden: Bäckereien, Geschäfte, Cafés und Restaurants füllen das alte Gebälk mit Leben, und auch im Krummelschen Haus selbst kannst du bis heute gemütlich einkehren.

FAQ

Warum trägt Wernigerode den Beinamen „Die bunte Stadt am Harz“?

Der Beiname stammt vom Schriftsteller Hermann Löns und bezieht sich auf die farbenfrohen niedersächsischen Fachwerkhäuser entlang von Straßen wie der Breiten Straße mit ihren kontrastreichen Ausfachungen und Gebälk in Ocker, Ochsenblutrot und dunklen Holztönen.

Welcher Fehler ist an der Fassade des Krummelschen Hauses zu sehen?

Beim Bau des Krummelschen Hauses im Jahr 1674 vertauschte der Schnitzer versehentlich die Reliefs für Afrika und Amerika, sodass sie nicht mehr zu den darunter aufgemalten Inschriften passen.

Was ist die Geschichte des Café Wien in der Breiten Straße?

Das Gebäude in der Breiten Straße 4 stammt aus dem Jahr 1583 und verbindet spätgotisches Fachwerk mit Stilelementen der Renaissance. Es gehört zu den ältesten Häusern der Straße und wird seit 1897 durchgehend als Café und Konditorei betrieben.

More places in Wernigerode