
Westerntorturm: Wernigerodes mittelalterliches Stadttor
Das letzte Tor des mittelalterlichen Wernigerode
An der westlichen Schwelle zur historischen Altstadt von Wernigerode ragt der Westerntorturm auf, der einzige noch erhaltene Torturm der mittelalterlichen Stadtmauer. Am westlichen Ende der Westernstraße, rund 150 Meter vom zentralen Marktplatz entfernt, markiert er den historischen Eingang zur Fußgängerzone.
Errichtet im frühgotischen Stil aus wuchtigem Bruchsteinmauerwerk, verfügt der Bau über eine spitzbogige Durchfahrt im Erdgeschoss, schmale Schießscharten, ein Zifferblatt und ein steiles Dach, gekrönt von kleinen Eckerkern. Historische Quellen beziffern die Höhe des Turms mal auf 38, mal auf 41 Meter, doch exakte Vermessungen kommen auf genau 41,18 Meter.
Bürgerliche Autonomie und Wehrgeschichte
Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Standort 1279, als die Wernigeröder Bürgerschaft den Grafen von Wernigerode die Befestigungsrechte abkaufte. Ein Meilenstein für die städtische Selbstverwaltung: Fortan durfte der Rat selbst kontrollieren, wer die Stadt betrat, und vor allem lukrative Zölle einnehmen. Im Jahr 1356 wurde das Bauwerk dann explizit als Toranlage dokumentiert.
Auf dem Höhepunkt ihrer Wehrkraft schützte Wernigerode ein geschlossener Mauerring mit rund 30 Türmen und vier Doppeltoranlagen. Das Westerntor war damals eine regelrechte Festung mit Graben, Außentor und einem kleineren Vorturm. Als Stadtmauern im 19. Jahrhundert ihren militärischen Zweck verloren, trug man die Wehranlagen ringsum kurzerhand ab. Das Außentor fiel 1853 der Spitzhacke zum Opfer, der Vorturm verschwand nach 1865. Übrig blieb allein der steinerne Hauptturm.
Türmer, Schuldturm und Harzer Mythen
Neben der Wohnung des städtischen Türmers beherbergte der Turm einst auch das Schuldgefängnis der Stadt, den sogenannten Bürgergehorsam. In einer eigens dafür vorgesehenen Stube mit zwei Fenstern saßen Einheimische kurze Arreststrafen ab, weil sie Schulden nicht beglichen oder gegen städtische Regeln verstoßen hatten.
Über die Jahrhunderte spann sich auch allerlei Harzer Sage um das Bauwerk. Einer hartnäckigen Legende nach soll Wernigerode von zwei Schwestern gegründet worden sein, die sich aus Angst vor fremden Eroberern kurzerhand im Westerntorturm einmauerten. Ihr Überleben sicherten sie angeblich allein durch Vorräte, die sie mit einer Seilwinde nach oben zogen, bis sie schließlich hinter den dicken Mauern ihr Leben aushauchten.
Heutige Rolle und historische Kulisse
Heute steht der Westerntorturm unter Denkmalschutz und dient als offenes Tor für Fußgänger auf ihrem Weg in die Einkaufsmeile der Westernstraße. Sein Inneres ist zwar nicht als reguläres Museum zugänglich, doch von außen schlägt er eine greifbare Brücke zwischen dem mittelalterlichen Stadtkern und den Errungenschaften des Industriezeitalters.
Trittst du durch den massiven Steinbogen, schluckt das Gewölbe den Straßenlärm und lässt ihn als gedämpftes Echo widerhallen. Nur wenige Schritte vor den mittelalterlichen Quadern kreuzt regelmäßig die Harzer Schmalspurbahn die Straße. Dann gellt ein Pfiff durch die Luft, und Dampf und Kohlenrauch ziehen an den historischen Steinmauern empor.
FAQ
Kann man das Innere des Westerntorturms besichtigen?
Nein, das Innere des Turms ist nicht als reguläres Museum zugänglich. Er dient in erster Linie als geschütztes Baudenkmal und offener Durchgang für Fußgänger.
Wie hoch ist der Westerntorturm?
Historische Quellen geben die Höhe oft mit 38 oder 41 Metern an, während exakte bauhistorische Vermessungen 41,18 Meter verzeichnen.
Welche Funktionen hatte der Turm außer der Stadtverteidigung?
Neben der Wohnung für den städtischen Türmer beherbergte der Turm auch das städtische Schuldgefängnis (den sogenannten Bürgergehorsam), in dem Bürger kurze Strafen für unbezahlte Schulden oder kleinere Ordnungsverstöße absaßen.
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