
Marktplatz Wernigerode und das historische Rathaus
Das architektonische Herzstück von Wernigerode
Der Marktplatz bildet das bürgerliche und historische Herz von Wernigerode. Er liegt direkt an der Flaniermeile, die mittelalterliche Handelsgassen wie die Breite Straße mit dem Aufstieg zum Schloss Wernigerode verbindet. Bekannt ist der Platz vor allem für sein makellos erhaltenes Fachwerkensemble und das pulsierende Stadtleben. Die Südseite am Marktplatz 1 wird vom Rathaus dominiert, einem echten Wahrzeichen mit markanten Doppeltürmen, kunstvollem Schnitzwerk und einer kuriosen Wandlung: Einst ein mittelalterlicher Amüsierbetrieb, ist es heute der ehrwürdige Sitz der Stadtverwaltung.
Vom gräflichen Spielhaus zum Regierungssitz
Hier kamen die Bürger schon vor Jahrhunderten zusammen: Urkunden aus dem Jahr 1277 erwähnen an dieser Stelle bereits einen Vorgängerbau, der als Spielhaus und Gerichtsort diente. Um 1420 ließ Graf Heinrich von Wernigerode über einem gewölbten Weinkeller ein neues gräfliches Spielhaus (Spelhus) errichten. 1427 schenkte der Graf das Gebäude der Bürgerschaft und dem Stadtrat als Bühne für Theaterstücke, Feste, Fastnachtstreiben, Gerichtsverhandlungen und den Handel.
Mehr als ein Jahrhundert lang diente der Bau vor allem als Wirtshaus und Vergnügungstempel, von Amtsstuben keine Spur. Das änderte sich schlagartig, als 1528 ein verheerender Stadtbrand das ursprüngliche Wernigeröder Rathaus in Schutt und Asche legte. Ein neuer Verwaltungssitz musste her: Zwischen 1539 und 1544 verband der Rat das unversehrte Spelhus mit der angrenzenden Ratswaage aus dem 15. Jahrhundert. Aus dem Festsaal wurde das offizielle Rathaus.
Fachwerkkunst und Fassadenzauber
Seine unverwechselbare Silhouette verdankt das Rathaus vor allem einem spätgotischen Umbau, den die Zimmermeister Andreas Sprengel und Thomas Hilleborch zwischen 1494 und 1498 vollendeten. Der Bau kombiniert ein massives Erdgeschoss aus Bruchstein mit einem vorkragenden Fachwerkobergeschoss. Die Fassade wird von zwei schlanken, vieleckigen Erkertürmen auf freistehenden Stützen flankiert, beide gekrönt von steilen Spitzhelmen. Dazwischen spannt sich ein hohes Walmdach über der zweiläufigen Freitreppe, die hinauf zum Hauptportal führt.
An den Balkenköpfen und Knaggen der Fassade tummeln sich 54 ausdrucksstarke Holzfiguren. Dabei herrscht eine feine Ordnung zwischen Himmel und Erde: Auf der unteren Ebene wachen Heilige über das Geschehen, während sich direkt unter der Dachtraufe die weltlichen Nachtschwärmer vergnügen, darunter Narren, Trunkenbolde, Spielleute und Moriskentänzer rund um eine Maikönigin. Über dem Portal erinnert ein Spruch, der bei späteren Restaurierungen angebracht wurde, an gesunden bürgerlichen Pragmatismus: „Einer acht’s, der andere belacht’s, der dritte verlacht’s, was macht’s?“ Umfangreiche Restaurierungen in den 1870er-Jahren, von 1906 bis 1908 und von 1936 bis 1939 halfen dabei, diese historischen Details zu bewahren und zu ergänzen.
Der Wohltäterbrunnen
Direkt gegenüber dem Rathaus sprudelt im Zentrum des Marktplatzes der Wohltäterbrunnen. Der neugotische Brunnen aus Kunstguss entstand 1848 in der nahe gelegenen Ilsenburger Eisenhütte und trägt Wappentafeln zu Ehren derer, die sich um das Wohl der Stadt verdient gemacht haben.
Seit 1991 erinnert eine bronzene Gedenktafel am Brunnen an Oberst Gustav Petri. Im April 1945 weigerte sich Petri, den militärischen Befehl zur Verteidigung Wernigerodes gegen die heranrückenden alliierten Einheiten auszuführen. Ein mutiger Akt des Ungehorsams, der die historische Altstadt vor Artilleriebeschuss und der Zerstörung bewahrte.
Moderne Verwaltung und öffentliches Leben
Bis heute ist das Rathaus das administrative Herz der Stadt und Dienstsitz des Oberbürgermeisters. Nach umfassenden Sanierungsarbeiten, die 2022 begannen, tagt der Stadtrat seit Herbst 2025 wieder im restaurierten Festsaal. Auch für Heiratswillige bleibt das Haus eine feste Adresse: Ab Sommer 2026 sollen im Ratssaal und in der Ratswaage wieder standesamtliche Trauungen stattfinden. Und wer es kulinarisch mag, steigt wie eh und je in den historischen Gewölbekeller hinab, wo das Restaurant Ratskeller seine Gäste empfängt.
FAQ
Wozu diente das Wernigeröder Rathaus, bevor es zum Rathaus wurde?
Bevor das Gebäude nach einem Stadtbrand im Jahr 1528 zum Rathaus wurde, diente es als gräfliches Spielhaus (Spelhus) über einem Weinkeller. Der um 1420 errichtete Bau war Schauplatz für öffentliche Unterhaltung, Fastnachtstänze, Gerichtsverhandlungen und feuchtfröhliche Runden.
Was stellen die Holzschnitzereien an der Rathausfassade dar?
Die 54 geschnitzten Holzfiguren zeigen eine klare Trennung zwischen dem Sakralen und dem Profanen: Auf den unteren Knaggen wachen christliche Heilige, während sich direkt unter der Dachkante Narren, Trunkenbolde, Spielleute und Moriskentänzer tummeln.
Welche historische Bedeutung hat der Wohltäterbrunnen auf dem Marktplatz?
Der 1848 in der Ilsenburger Hütte gegossene neugotische Brunnen ehrt Wohltäter der Stadt und erinnert seit 1991 mit einer Gedenktafel an Oberst Gustav Petri, der im April 1945 die Bombardierung und Zerstörung des historischen Stadtkerns verhinderte.



