
Weihnachtsmarkt am Spittelberg: Wiens historische Gassen
Ursprung und Wandel des Spittelbergs
Das Viertel Spittelberg im 7. Wiener Gemeindebezirk (Neubau) verdankt seinen Namen dem Wiener Bürgerspital, das hier 1525 Weinberge an den Hängen erwarb, um die Krankenpflege zu finanzieren. Auf einer Anhöhe mit Blick auf das Glacis gelegen, wurde die Siedlung während der osmanischen Belagerung 1683 wegen ihrer strategischen Höhe dem Erdboden gleichgemacht, danach jedoch rasch als dicht bebaute Vorstadt vor den Toren der Stadt wiedererrichtet.
Im 18. und 19. Jahrhundert trieben strenge Sittenregeln im Stadtzentrum, allen voran Kaiserin Maria Theresias berüchtigte Keuschheitskommission, das anrüchige Vergnügen vor die Tore der kaiserlichen Residenz. Der Spittelberg entwickelte sich zu einem pulsierenden Vergnügungs- und Rotlichtviertel, das bald als berüchtigtes Krawallviertel galt, gespickt mit Tavernen, Bordellen und privaten Schenken. Als Kaiser Joseph II. 1776 auch noch das Theaterspiel freigab, blühte das Viertel endgültig auf und bot Wanderbühnen und satirischen Volkskomödianten eine neue Heimat.
Bürgerprotest und die Besetzung des Amerlinghauses
Anfang der 1970er-Jahre war die historische Bausubstanz nach Jahrzehnten des Verfalls in beklagenswertem Zustand, und das Viertel sollte einer großflächigen Neubebauung mit modernen Wohnblöcken weichen. Im Sommer 1975 besetzten Anwohner, Studierende und Kunstschaffende das leerstehende, historische Amerlinghaus in der Stiftgasse 8 und initiierten damit eine der ersten großen Kultur-Hausbesetzungen Wiens.
Der anhaltende Protest hatte Erfolg: Die Stadtverwaltung verwarf die Abrisspläne und leitete stattdessen eine umfassende Sanierung der spätbarocken und biedermeierlichen Häuser ein. Um diese Rettung zu feiern und die wachsende Gemeinschaft unabhängiger Kunsthandwerker zu stärken, riefen engagierte Bürger den Verein Spittelberg ins Leben und veranstalteten 1980 den ersten Adventsmarkt im Viertel, als basisnahe Alternative zum städtischen Christkindlmarkt im Zentrum.
Der Markt und das Öko-Event-Konzept
Heute erstreckt sich der Spittelberger Weihnachtsmarkt durch das Netz verkehrsberuhigter Kopfsteinpflastergassen hinter dem MuseumsQuartier, darunter die Spittelberggasse, Gutenberggasse, Schrankgasse und Stiftgasse. Von Mitte November bis zum 23. Dezember säumen jährlich rund 120 bis 125 Stände die pastellfarbenen Fassaden, historischen Torbögen und Zugänge zu den typischen Pawlatschen-Innenhöfen.
Die Veranstaltung ist von der Stadt offiziell als Öko-Event zertifiziert. Das Siegel schreibt strenge Maßnahmen zur Abfallvermeidung vor und verpflichtet die Händler, zertifizierte Bio-Speisen und Bio-Getränke sowie fair gehandelte Waren anzubieten. Das Angebot spiegelt den handwerklichen Charakter des Viertels wider: Zu finden sind Keramik, mundgeblasenes Glas, Lederwaren, Holzarbeiten und Wolltextilien.
Weil die Stände nicht auf einem weiten Platz, sondern in schmalen Häuserschluchten zwischen zwei- bis dreigeschossigen Bauten stehen, sammeln sich die Wärme, der Dampf von Punsch und Glühwein sowie der Duft frisch herausgebackener Erdäpfelpuffer mit Knoblauch direkt über dem Granitpflaster.
Lokale Legenden und die Spaltung von 1994
Die Historie des Spittelbergs spiegelt sich in zahlreichen baulichen und kulturellen Besonderheiten wider. Über dem Eingangsportal des traditionsreichen Gasthauses Zur Witwe Bolte in der Gutenberggasse 13 (ehemals Zum goldenen Löwen) erinnert eine steinerne Inschrift: „Durch dieses Thor im Bogen ist Kaiser Joseph geflogen, 1778“. Der Sage nach war der Monarch inkognito zu Gast, als ein Streit um die Zeche oder um sein Benehmen gegenüber der Wirtin eskalierte und der Wirt den Kaiser kurzerhand höchstpersönlich auf die Straße beförderte.
Der Anspruch an echtes Kunsthandwerk prägte auch die spätere Wiener Vorweihnachtslandschaft. Als die Stadtverwaltung die Leitung des Marktes 1994 vom bürgernahen Verein Spittelberg an einen externen kommerziellen Betreiber übertragen wollte, probten die Kunsthandwerker den Aufstand. Eine Gruppe spaltete sich ab, gründete die Vereinigung divina art und zog in den Resselpark um, wo sie vor der Kulisse der Karlskirche den Markt Art Advent ins Leben rief.
FAQ
Wo befindet sich der Weihnachtsmarkt am Spittelberg?
Der Markt liegt im 7. Wiener Gemeindebezirk (Neubau) direkt hinter dem MuseumsQuartier und erstreckt sich vor allem über die Spittelberggasse, Gutenberggasse, Schrankgasse und Stiftgasse.
Wann findet der Weihnachtsmarkt am Spittelberg statt?
Der Markt öffnet jedes Jahr von Mitte November bis zum 23. Dezember. Unter der Woche beginnt der Betrieb am Nachmittag, am Wochenende bereits am Vormittag, jeweils bis in den Abend hinein.
Warum gilt der Spittelberger Weihnachtsmarkt als Öko-Event?
Der Markt trägt das offizielle Prädikat als Öko-Event der Stadt Wien, weil sich alle Stände an strenge Vorgaben zur Müllvermeidung halten und ausschließlich zertifizierte Bio-Lebensmittel, Bio-Getränke und fair gehandelte Produkte anbieten dürfen.
Was hat es mit der Inschrift beim Gasthaus Zur Witwe Bolte auf sich?
Die Inschrift an der Gutenberggasse 13 erinnert an einen Vorfall aus dem Jahr 1778: Kaiser Joseph II., der das Lokal inkognito besucht haben soll, wurde nach einem Streit um die Zeche vom Wirt kurzerhand vor die Tür gesetzt.



