
Egon Schiele Art Centrum: Guide für Český Krumlov
Skandalöser Aufenthalt und überstürzte Abreise
Im Mai 1911 kam der österreichische Expressionist Egon Schiele aus Wien nach Český Krumlov. Die Stadt war tief in seiner Familiengeschichte verwurzelt, denn seine Mutter, Marie Soukupová, war hier geboren und aufgewachsen. Begleitet von seiner siebzehnjährigen Lebensgefährtin und Muse Wally Neuzil, suchte Schiele in den Flussschleifen und mittelalterlichen Gassen nach frischer Inspiration.
Doch seine Anwesenheit stieß bei den sittenstrengen Einheimischen schnell auf Widerstand: Ein unverheiratetes Paar, das offen den Bohème-Lebensstil pflegte, war für viele ein rotes Tuch. Die Stimmung heizte sich weiter auf, als Gerüchte die Runde machten, Schiele lasse ortsansässige Mädchen im Teenageralter für Aktzeichnungen Modell sitzen. Angesichts der offenen Feindseligkeit wurden Schiele und Neuzil noch im selben Sommer praktisch aus der Stadt verjagt. Doch die verwinkelten Gassen und Dächer von Český Krumlov hinterließen bleibende Spuren in Schieles Kunst: Sie inspirierten ihn zu bedeutenden, melancholischen Stadtansichten und seinen berühmten Gemälden der „Toten Stadt“.
Erst verjagt, heute verehrt
Jahrzehnte nachdem man Schiele vor die Tür gesetzt hatte, überdachte Český Krumlov das Verhältnis zu seinem einstigen Gast. Statt als unerwünschter Außenseiter gilt Schiele heute als eine der zentralen Kulturfiguren der Stadt.
1992 gegründet und 1993 eröffnet, widmet sich das Egon Schiele Art Centrum heute seinem Leben und Schaffen. Der Komplex in der Široká-Straße in der historischen Innenstadt fungiert als wichtiges Zentrum für zeitgenössische Kunst und verbindet den Marktplatz mit dem Flussufer. Dabei bildet er einen markanten Kontrast zu den aristokratischen Gotik-, Renaissance- und Barockbauten auf der anderen Seite der Moldau.
Die historische Brauerei
Das Kulturzentrum ist in einer ehemaligen städtischen Brauerei untergebracht, die zwischen 1605 und 1608 von den Baumeistern Hans Hasa und Dominik Cometa errichtet wurde. Das Gebäude ist ein Paradebeispiel bürgerlicher Renaissance-Architektur mit wuchtigem Mauerwerk, dekorativen Sgraffito-Fassaden und offenen hölzernen Hofgalerien.
Weil das Gebäude so nah am Grundwasserspiegel der Moldau lag, konnten die Erbauer keinen Keller anlegen, ohne Überschwemmungen zu riskieren. Die Folge: Frisch gebrautes Bier musste ohne Umwege direkt in die örtlichen Schankstuben geliefert werden, bis man 1705 schließlich Lagerräume unter dem Rathaus einrichtete.
Ausstellungen und Künstlerateliers
Heute beherbergen die wuchtigen Renaissance-Räume der Brauerei eine umfangreiche Dauerausstellung über Schiele. Zu sehen sind Originalzeichnungen, Aquarelle, Druckgrafiken, persönliche Briefe, historische Fotografien, Stammbäume und Möbel aus dem Besitz des Künstlers.
Neben der Dauerausstellung zeigt das Haus wechselnde Schauen moderner und zeitgenössischer Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts von tschechischen und internationalen Kunstschaffenden, darunter Künstler wie Luděk Rathouský und Lois Fasching. Zudem versteht sich das Haus als lebendiger Kreativ-Hub mit Gastateliers für Kunstschaffende aus ganz Europa, einem traditionellen Café mit regionalen Spezialitäten und einem Museumsshop.
FAQ
Warum wurde Egon Schiele 1911 aus Český Krumlov vertrieben?
Konservative Bewohner nahmen Anstoß an seinem unverheirateten Zusammenleben mit Wally Neuzil und empörten sich über Gerüchte, er lasse einheimische Mädchen im Teenageralter für Skizzen Modell sitzen.
In welchem Gebäude ist das Egon Schiele Art Centrum untergebracht?
Das Zentrum befindet sich in einer ehemaligen städtischen Brauerei, die zwischen 1605 und 1608 von den Baumeistern Hans Hasa und Dominik Cometa erbaut wurde.
Was gibt es in der Dauerausstellung zu sehen?
Die Dauerausstellung zeigt Originalzeichnungen, Aquarelle, Druckgrafiken, persönliche Briefe, Stammbäume, historische Fotografien und originale Möbelstücke aus dem Besitz von Egon Schiele.




