
Mühlbrunnkolonnade in Karlsbad: Guide und Geschichte
Monumentale Neorenaissance-Architektur
Die Mühlbrunnkolonnade (Mlýnská kolonáda) ist die unangefochtene Königin unter den Wandelhallen im tschechischen Karlsbad. Satte 132 Meter lang und 13 Meter breit, wurde der Neorenaissance-Bau von Josef Zítek entworfen, jenem Stararchitekten, dem Prag auch sein Nationaltheater und das Rudolfinum verdankt.
Errichtet zwischen 1871 und 1881, ruht die offene, dreischiffige Halle auf 124 korinthischen Säulen. Auf der Dachbalustrade thronen zwölf allegorische Sandsteinfiguren, eine für jeden Monat des Jahres, gehauen von den Bildhauern Alfred Schreiber und Karl Wilfert. Die Giebelfelder schmücken kunstvolle Reliefs von Bohuslav Schnirch. Im Inneren hallen deine Schritte auf den schweren Steinplatten wider und vermischen sich mit dem gleichmäßigen Plätschern des Thermalwassers, das in die Auffangbecken rinnt, während feiner, warmer Mineraldampf aus den Brunnen emporsteigt.
Von Holzbuden zum „Möhrenbeet“
Bevor hier monumentale Pracht einzog, standen an diesem Ufer der Teplá schlichte Holzbadehäuschen und eine alte Wassermühle. 1811 ersetzte Václav Skalník diese Hütten durch eine hölzerne Wandelhalle im Empirestil, die sogenannte Neubrunnkolonnade. Gegen Ende der 1860er-Jahre hatte der Stadtrat dann größere Ambitionen und beauftragte Zítek mit einem repräsentativen Nachfolger aus Stein.
Zíteks ursprünglicher Entwurf war kühn: ein zweistöckiger Prachtkomplex. Doch die Stadtkasse streikte, und so schrumpfte der Plan auf ein einziges Geschoss mit einer flachen Dachterrasse zum Flanieren zusammen. Zehn lange Jahre fraß der Bau, die Kosten explodierten. Als die Kolonnade zur Kur-Saison 1881 schließlich eröffnet wurde, hagelte es Spott. Kritiker und Einheimische lästerten über das dichte Säulendickicht, schimpften es eine überdimensionierte „Kegelbahn“ oder ein „Möhrenbeet“, das das enge Flusstal erdrücke, und trauerten der früheren Gemütlichkeit am Flussufer hinterher.
In den folgenden Jahrzehnten wurde weiter gefeilt. Zwischen 1891 und 1892 sprengte man Fels aus dem Berghang, um einen nördlichen Pavillon über der Felsenquelle anzubauen. 1949 überwölbte man schließlich das Flussbett direkt vor der Halle, wodurch eine weitläufige Esplanade für das Stadtleben entstand.
Heilquellen und Kurtraditionen
Unter dem Dach der Mühlbrunnkolonnade sprudeln fünf offizielle Thermal- und Mineralquellen, im Karlsbader Quellensystem als Nummern 6 bis 10 geführt:
- Mühlbrunn (Mlýnský pramen): Tritt mit etwa 56 °C zutage.
- Rusalka-Quelle (Rusalčin pramen): Sprudelt bei rund 60 °C.
- Fürst-Wenzel-Quelle (Pramen knížete Václava I und II): Liefert stolze 65 °C.
- Libussa-Quelle (Pramen Libuše): Fließt mit circa 62 °C.
- Felsenquelle (Skalní pramen): Mit etwa 53 °C die kühlste der Runde.
Die gigantischen Ausmaße der Kolonnade waren kein reines Geltungsbedürfnis, sondern handfeste medizinische Doktrin des 19. Jahrhunderts: Kurärzte verordneten ihren Patienten, das Mineralwasser in winzigen Schlucken aus Porzellantassen zu trinken und dabei gemessenen Schrittes auf und ab zu spazieren, um Verdauung und Mineralstoffaufnahme anzukurbeln. Direkt am Fußgängerboulevard der Teplá gelegen, bildet die Kolonnade das Rückgrat der Kurzone und verbindet die flussabwärts gelegene Parkkolonnade mit der Markt- und der Sprudelkolonnade weiter oben im Tal.
Kurioses und heutige Nutzung
Die Kolonnade ist rund um die Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Im erhöhten Orchesterpavillon inmitten der Halle gibt das Karlsbader Symphonieorchester im Frühling und Sommer regelmäßig Freiluftkonzerte für das flanierende Publikum. Das flache Steindach dient als Aussichtsterrasse mit bestem Blick ins Flusstal, während sich auf der Esplanade vor der Halle das Stadtleben abspielt, im Sommer oft flankiert von kunstvollen Sandskulpturen.
Ein paar historische Details belohnen den genauen Blick: Die zwölf Statuen auf der Dachbrüstung blicken nach außen zur Stadt und zum Fluss. Wer oben über die Terrasse spaziert, schaut den Figuren also direkt auf den Rücken. Neben der Nische des Mühlbrunns bewahrt eine Marmortafel von 1828 den lateinischen Text der Ode an den Sprudel, verfasst vom Renaissance-Humanisten Bohuslav Hasištejnský von Lobkowitz. Und in der sozialistischen Ära nach dem Zweiten Weltkrieg hieß das Bauwerk vorübergehend „Kolonnade der tschechoslowakisch-sowjetischen Freundschaft“, bis man sich später glücklicherweise wieder auf den historischen Namen besann.
FAQ
Welche Thermalquellen entspringen in der Mühlbrunnkolonnade?
Die Kolonnade beherbergt fünf offizielle Heilquellen: den Mühlbrunn (~56 °C), die Rusalka-Quelle (~60 °C), die Fürst-Wenzel-Quelle (~65 °C), die Libussa-Quelle (~62 °C) und die Felsenquelle (~53 °C).
Warum war die Mühlbrunnkolonnade anfangs so unbeliebt?
Bei ihrer Eröffnung 1881 spotteten Einheimische und Kritiker über Josef Zíteks Entwurf als überdimensionierte „Kegelbahn“ oder „Möhrenbeet“. Sie fürchteten, die dichte Säulenfront würde den idyllischen Charakter des Flusstals zerstören.
Wie sind die Öffnungszeiten und Eintrittspreise der Mühlbrunnkolonnade?
Die Mühlbrunnkolonnade ist das ganze Jahr über rund um die Uhr frei zugänglich. Der Eintritt ist frei.
Welcher Bauschmuck befindet sich auf dem Dach der Kolonnade?
Auf der Dachbalustrade stehen zwölf allegorische Sandsteinstatuen für die Monate des Jahres, geschaffen von Alfred Schreiber und Karl Wilfert, die allesamt ihren Blick zur Stadt hin richten.



