
Porte Narbonnaise: das wehrhafte Tor von Carcassonne
Königlicher Bau und strategische Verteidigung
Um 1280 unter den französischen Königen Philipp III. und Philipp IV. in Auftrag gegeben, bildet die Porte Narbonnaise das östliche Hauptportal zur befestigten Cité von Carcassonne hoch oben auf dem Hügel. Zur Straße nach Narbonne hin ausgerichtet, war der Torbau als autonome königliche Festung gedacht, um die Vormachtstellung der französischen Krone gegenüber dem Königreich Aragón unmissverständlich zu demonstrieren.
Flankiert wird der Einlass von zwei 30 Meter hohen Sporntürmen (tours en éperon). Statt klassischer Rundungen ragen ihre massiven Steinsockel keilförmig nach vorn, meisterhaft so konstruiert, dass schwere Geschosse feindlicher Belagerungsmaschinen wirkungslos abprallten. Um auch monatelanger Isolation standzuhalten, war die Anlage ganz auf Selbstversorgung getrimmt: Im Nordturm fing eine Zisterne Regenwasser auf, während der Südturm einen kühlen Vorratskeller für Pökelfleisch beherbergte.
Wer dieses Tor stürmen wollte, rannte gegen eine tückisch gestaffelte Verteidigung an. Angreifer mussten zunächst die äußere Saint-Louis-Barbakane überwinden, einen tiefen, in den Fels gehauenen Trockengraben durchqueren und schließlich in ein steingewölbtes Durchgangstor vordringen, das mit doppelten Fallgittern, Maschikulis und tödlichen Gusslöchern (assommoirs) an der Decke gesichert war.
Die Restaurierung im 19. Jahrhundert
Als der Pyrenäenfrieden von 1659 die Grenze zwischen Frankreich und Spanien weiter nach Süden verschob, verlor Carcassonne seine wichtigste militärische Funktion. In den folgenden zwei Jahrhunderten verfielen die mächtigen Wehranlagen zusehends.
Zwischen 1853 und 1864 unterzog Architekt Eugène Viollet-le-Duc das Tor einer radikalen Rundumerneuerung, gestützt auf vorangegangene archäologische Untersuchungen. Er zog das verwitterte Mauerwerk wieder hoch, setzte den Türmen spitze Schieferdächer auf, stellte die Zinnen wieder her und baute den Zugang über den Graben neu auf. Die hölzerne Zugbrücke, die man heute sieht, ist also kein Relikt aus dem Mittelalter, sondern eine Rekonstruktion aus dem 19. Jahrhundert, mit der Viollet-le-Duc die ausgeklügelte Wehrtechnik vorführen wollte.
Skulpturen und historische Details
Schon auf dem Weg zum Tor fallen kunstvolle Details ins Auge. Am äußeren Pfad wacht eine Steinbüste der Dame Carcas (Dame Carcas). Der Legende nach rettete die sarazenische Herrscherin die Stadt im 8. Jahrhundert vor der Belagerung Karls des Großen, indem sie ein prall mit Getreide gemästetes Schwein von den Zinnen warf. Die Belagerer zogen ab, weil sie glaubten, die Vorräte der Stadt seien unerschöpflich. Eine schöne Geschichte, für die es allerdings keinerlei historische Belege gibt. Die Büste am Weg ist ohnehin eine moderne Replik, das verwitterte Original aus dem 16. Jahrhundert wird sicher im Burgmuseum verwahrt.
Direkt über dem Torbogen steht in einer Nische eine Marienstatue aus Stein aus dem 14. Jahrhundert. Sie überdauerte Jahrhunderte von Grenzkämpfen völlig unbeschadet, bis ihr in den Wirren der Französischen Revolution das Gesicht zerschlagen wurde.
Das Tor heute
Heute ist die Porte Narbonnaise der wichtigste Zugang für alle, die die UNESCO-geschützte Cité de Carcassonne zu Fuß erkunden. Du überquerst die knarrenden Holzbohlen der rekonstruierten Zugbrücke hoch über dem Trockengraben und trittst unter den Schlitzen der eisernen Fallgitter hindurch in das hallende Steingewölbe. Der Durchgang steht dir das ganze Jahr über kostenlos offen: Er führt dich geradewegs auf die Rue Cros-Mayrevieille und weiter in das Herz der historischen Festung, hin zum Château Comtal und zur Basilika Saint-Nazaire-et-Saint-Celse.
FAQ
Ist die Zugbrücke an der Porte Narbonnaise noch original aus dem Mittelalter?
Nein. Die hölzerne Zugbrücke über dem Trockengraben wurde zwischen 1853 und 1864 von Architekt Eugène Viollet-le-Duc entworfen und eingesetzt, um die ausgefeilte Wehrtechnik des Mittelalters zu demonstrieren.
Welchen Zweck haben die spitzen Sockel der Tortürme?
Die beiden 30 Meter hohen Türme besitzen an ihrer Basis keilförmige Steinvorsprünge, sogenannte Sporne (*éperons*). Sie wurden so konstruiert, dass schwere Geschosse feindlicher Belagerungsmaschinen wirkungslos abprallten.
Ist die Büste der Dame Carcas am Eingang ein Original?
Die Büste am Eingang ist eine moderne Nachbildung. Das verwitterte Original aus dem 16. Jahrhundert wird geschützt im Burgmuseum aufbewahrt.
Kostet es Eintritt, Carcassonne durch die Porte Narbonnaise zu betreten?
Der Zutritt durch die Porte Narbonnaise und über die Zugbrücke in die historischen Gassen ist für Besucher das ganze Jahr über kostenlos.




