
Stadtmauern von Carcassonne: doppelter Mauerring und Les Lices
Hoch über der Aude und direkt gegenüber der Bastide Saint-Louis aus dem 13. Jahrhundert thronen die Mauern von Carcassonne: eine der am vollständigsten erhaltenen mittelalterlichen Wehranlagen Europas. Seit 1997 zählt die befestigte Oberstadt (die Cité) zum UNESCO-Welterbe und gilt gleichermaßen als Meisterwerk hochmittelalterlicher Wehrarchitektur wie als wegweisender Meilenstein der Denkmalpflege des 19. Jahrhunderts.
Die Architektur des doppelten Mauerrings
Das Verteidigungssystem setzt auf doppelte Abschreckung: zwei konzentrische Steinringe von gut drei Kilometern Länge, bewehrt mit 52 Türmen und Barbakanen. Der breite Korridor zwischen den beiden Mauern nennt sich les lices (auf Deutsch: der Zwinger). Topografisch teilt sich dieser Streifen in einen nördlichen und östlichen Abschnitt, die Lices Basses (unterer Zwinger), sowie einen südlichen und westlichen Teil, die Lices Hautes (oberer Zwinger).
Die beiden Mauerringe erzählen von zwei völlig unterschiedlichen Epochen. Die innere Ringmauer ist die Veteranin: Sie steht auf spätantik-gallorömischen Fundamenten aus dem 3. bis 4. Jahrhundert, noch heute gut erkennbar an den horizontalen roten Ziegelbändern zwischen den mittelalterlichen Umbauten. Die äußere Mauer hingegen ist königliche Ingenieurskunst des 13. Jahrhunderts, präzise hochgezogen aus glattem Kalkstein und wehrhaftem Buckelquader-Mauerwerk (pierres à bossage).
Eine taktische Falle aus dem 13. Jahrhundert
Anfangs begnügte sich die Stadt mit einem einzigen Mauerring. Doch nach dem Albigenserkreuzzug und einer vergeblichen Belagerung durch Raimond Trencavel im Jahr 1240 verleibte sich König Ludwig IX. Carcassonne für die französische Krone ein. Um die neue Südgrenze abzusichern, ließen königliche Baumeister unter Ludwig und seinem Nachfolger Philipp III. die Hänge planieren und zogen eine zweite, äußere Ringmauer hoch.
Diese doppelte Befestigung schuf in den lices eine ausgeklügelte Todesfalle. Jeder Angreifer, der die niedrigere Außenmauer überwand, saß im offenen Korridor auf dem Präsentierteller, schutzlos ausgeliefert dem Beschuss von den höheren Türmen des inneren Rings. Damit feindliche Truppen bei einem Teildurchbruch nicht einfach seitlich um die Festung ausschwärmten, setzte man den wuchtigen, quadratischen Bischofsturm (Tour de l'Évêque) rittlings über beide Mauern. Er riegelte den Korridor buchstäblich ab. Nebenbei diente der freie Streifen als Exerzierplatz für die Reiterei, worauf auch die französische Redewendung „entrer en lice“ zurückgeht: in die Schranken treten.
Niedergang, wilde Besiedlung und Restaurierung
Als der Pyrenäenfrieden von 1659 die Grenze zu Spanien weit nach Süden in die Pyrenäen verschob, verlor Carcassonne seine strategische Rolle als Grenzfestung und verfiel zusehends. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert kaperten einheimische Tagelöhner und Weber das militärische Freigelände: Über 120 wilde Behausungen, Nutzgärten, Kaninchenställe und Schweinekoben wurden direkt an die Festungsmauern gebaut.
In den 1840er- und 1850er-Jahren startete schließlich ein gewaltiges Restaurierungsprojekt, vorangetrieben vom lokalen Altertumsforscher Jean-Pierre Cros-Mayrevieille und dem Architekten Eugène Viollet-le-Duc. Die wilden Siedlungen wurden enteignet und abgerissen, um das originale mittelalterliche Mauerwerk wieder freizulegen. Während der Arbeiten richtete sich Viollet-le-Duc sein zentrales Zeichen- und Planungsbüro stilgerecht direkt im Tour de l'Évêque ein.
Freier Zugang und heutige Nutzung
Heute fungieren die lices als kostenlose Flaniermeile, die rund um die Uhr zu einem Spaziergang um den mittelalterlichen Stadtkern einlädt. Der Korridor verbindet die historischen Haupttore der Cité, darunter die Porte Narbonnaise, die Porte d'Aude und die Porte Saint-Nazaire. Im Juli und August verwandelt sich das Areal dann wieder in eine mittelalterliche Arena mit ritterlichem Lanzenstechen und Schaukämpfen.
FAQ
Was sind die Lices in Carcassonne?
Als *Lices* bezeichnet man den offenen Verteidigungskorridor (den Zwinger) zwischen der inneren und äußeren Festungsmauer von Carcassonne, unterteilt in die *Lices Basses* und die *Lices Hautes*.
Warum hat Carcassonne zwei Mauerringe?
Nach einer erfolglosen Belagerung im Jahr 1240 zogen königliche Baumeister unter Ludwig IX. und Philipp III. eine äußere Mauer hoch. Das schuf eine tödliche Falle: Eindringlinge saßen im offenen Korridor fest und waren dem Beschuss von den höheren inneren Türmen schutzlos ausgeliefert.
Ist der Zugang zu den Lices von Carcassonne kostenlos?
Ja, der Spazierweg durch die Lices ist rund um die Uhr kostenlos zugänglich und führt einmal komplett um den mittelalterlichen Stadtkern herum.




