Kathedrale Saint-Étienne: Einzigartiger Architektur-Hybrid
Zwei unvollendete Visionen
Die Kathedrale Saint-Étienne, bis heute aktiver Sitz des Erzbischofs von Toulouse, ist das steinerne Zeugnis wechselnder Ambitionen. Zwischen dem frühen 13. und dem 17. Jahrhundert überwiegend aus rosa und roten Backsteinen errichtet, besteht das Bauwerk aus zwei unvollendeten Teilen, die reichlich unbeholfen auf zwei verschiedenen Achsen zusammengefügt wurden.
Der ursprüngliche Bau, das sogenannte Raimundinische Schiff, entstand um 1210 bis 1220. Während der Albigenserkriege als breite, einschiffige Predigthalle konzipiert, spiegelt es die wuchtige, dunkelrote Ziegelarchitektur der südfranzösischen Gotik wider. Im Jahr 1272 beschloss Bischof Bertrand de l'Isle, dieses Schiff komplett zu ersetzen. Ihm schwebte ein gewaltiger, mehrschiffiger gotischer Chor im nordfranzösischen Stil vor, ganz nach dem Vorbild der großen Kathedralen der Île-de-France. Weil irgendwann das Geld ausging, blieb das alte Schiff einfach stehen. Der riesige neue Chor, doppelt so breit und leicht versetzt ausgerichtet, wurde kurzerhand daran angebaut.
Der gewaltige Übergangspfeiler
Der abrupte Bruch zwischen diesen beiden ungleichen Räumen prägt den gesamten Innenraum. Das gedrungene, dunkelrote Schiff trifft über einen massiven runden Übergangspfeiler auf den himmelhohen, lichtdurchfluteten Chor. Dieser Pfeiler, Anfang des 16. Jahrhunderts von Bischof Jean d'Orléans errichtet, war der Versuch, das Unvereinbare miteinander zu verbinden: Er schlägt die Brücke von der Mittelachse des alten Schiffs zur südlichen Pfeilerreihe des neuen Chors.
Bemerkenswerte Details im Innenraum
Abgesehen von diesen baulichen Eigenheiten birgt Saint-Étienne einige bemerkenswerte Schätze. Der Hauptorgelprospekt aus Nussbaumholz, geschnitzt um 1612, thront nicht auf einer üblichen Empore, sondern klebt in spektakulären 17 bis 18 Metern Höhe wie ein Schwalbennest an der senkrechten Steinwand. Hier befinden sich außerdem das Grab und die Krypta von Pierre-Paul Riquet, jenem Ingenieur des 17. Jahrhunderts, der den Canal du Midi entwarf.
In der Kapelle Saint-Vincent-de-Paul bewahrt die Kathedrale die ältesten intakten Buntglasfenster von Toulouse aus dem späten 13. Jahrhundert. Die Geschichte des Gotteshauses war dabei keineswegs nur von Frömmigkeit geprägt: Während der Französischen Revolution verlor die Kathedrale ihren sakralen Status, wurde zum „Tempel der Vernunft“ umgewidmet und diente zwischenzeitlich als Altmetalllager, bevor sie 1802 wieder der Kirche übergeben wurde.
Das Viertel Saint-Étienne
Die Kathedrale bildet das Herz des aristokratischen Viertels Saint-Étienne, eines historischen Stadtteils mit Kopfsteinpflastergassen und prächtigen Stadtpalais des 16. bis 18. Jahrhunderts. Direkt vor dem Gebäude plätschert die Fontaine du Griffoul. Erbaut zwischen 1549 und 1584, gilt sie als der älteste noch erhaltene öffentliche Brunnen von Toulouse.
FAQ
Warum treffen in der Kathedrale Saint-Étienne so unterschiedliche Baustile aufeinander?
Das ungewöhnliche Erscheinungsbild geht auf ein unvollendetes Großprojekt zurück: Das ursprüngliche südgotische Kirchenschiff aus dem 13. Jahrhundert sollte durch eine gewaltige Kathedrale im nordfranzösischen Gotikstil ersetzt werden. Weil schlicht das Geld ausging, wurde das alte Schiff nie abgerissen und der neue, deutlich breitere Chor einfach auf einer versetzten Achse angebaut.
Wer liegt in der Kathedrale Saint-Étienne begraben?
In der Kathedrale befinden sich das Grab und die Krypta von Pierre-Paul Riquet, dem Ingenieur des 17. Jahrhunderts, der für den Bau des Canal du Midi verantwortlich war.
Was geschah mit der Kathedrale während der Französischen Revolution?
Während der Französischen Revolution verlor das Bauwerk seinen sakralen Status, wurde zum „Tempel der Vernunft“ umgewidmet und diente vorübergehend als Altmetalllager, bevor es 1802 wieder für Gottesdienste genutzt wurde.
