
Untermarkt: Das historische Herz von Görlitz
Ein mittelalterlicher Handelsknotenpunkt
Der Untermarkt bildet seit seiner Anlage um 1200 das geografische und historische Herz der Görlitzer Altstadt. Als Verbindung zwischen dem höher gelegenen Obermarkt, der Neiße und der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec florierte der Platz als zentraler Umschlagplatz an der mittelalterlichen Via Regia.
Ein zentraler Häuserblock, die sogenannte Zeile oder Mittelzeile, teilt den Platz in eine Nord- und eine Südhälfte. Einst befanden sich hier die städtische Ratswaage und die Zollstation. Auch der Handel war streng geregelt: Auf der Südseite feilschten Händler mit Luxusgütern wie Gewürzen und Seide, während im Norden Bauern, Gärtner und Fischer ihre Waren anboten.
Als exklusives Revier wohlhabender Waid- und Tuchhändler ist der Untermarkt berühmt für seine einzigartigen Hallenhäuser. Diese Bauten beeindrucken mit mehrstöckigen Gewölbehallen im Inneren und breiten Portalen. Die Rundbogentore waren eigens so konstruiert, dass voll beladene Pferdefuhrwerke direkt ins Haus fahren und im Trockenen entladen werden konnten.
Architektonische Höhepunkte
Rund um den Untermarkt reihen sich Jahrhunderte erhaltener Baukunst aneinander. Das Rathaus aus dem 14. Jahrhundert zieht mit seinem böhmischen Portal von 1471, einer astronomischen Uhr und der offenen Renaissancetreppe sofort alle Blicke auf sich. Bemerkenswert: Die Justitia auf der Rathaustreppe trägt keine traditionelle Augenbinde. Ein klares Zeichen für ein sehendes, unvoreingenommenes Urteil statt blinder Rechtsprechung.
Gleich daneben steht der Schönhof, den Baumeister Wendel Roskopf 1526 nach einem Stadtbrand errichtete. Er gilt als Deutschlands ältestes bürgerliches Renaissance-Wohnhaus und beherbergt heute das Schlesische Museum. Die Ratswaage, 1600 von Jonas Roskopf auf gotischen Grundmauern neu errichtet, dominiert bis heute die zentrale Zeile.
Kuriositäten am Platz
Die Ratsapotheke aus der Renaissance besticht mit farbenprächtiger Fassade und zwei außergewöhnlichen Sonnenuhren, die von einem früheren Bürgermeister und Astronomen geschaffen wurden. Eine Uhr zeigt die regulären Tagesstunden an, während die andere die ungleichen babylonischen Planetenstunden berechnet.
Ein weiterer Blickfang ist der barocke Neptunbrunnen aus dem 18. Jahrhundert, den die Einheimischen liebevoll „Gabeljürgen“ nennen. Am Untermarkt 22 wartet mit dem Flüsterbogen ein faszinierendes Akustikphänomen: Die tief eingearbeitete Hohlkehle des spätgotischen Sandsteinportals fängt selbst leises Flüstern ein und leitet die Schallwellen glasklar entlang des Bogens zur gegenüberliegenden Seite.
Moderne Zeiten und Görliwood
Heute ist der Untermarkt ein lebendiger, verkehrsberuhigter Treffpunkt voller Restaurants, Straßencafés und charmanter Boutique-Hotels wie dem Hotel Emmerich. Hier pulsiert das städtische Leben, etwa beim traditionellen Schlesischen Tippelmarkt oder dem Schlesischen Christkindelmarkt.
Dank der makellos erhaltenen Fassaden aus Mittelalter, Renaissance und Barock verwandelt sich der Platz regelmäßig in eine historische Filmkulisse für deutsche und internationale Großproduktionen. Nicht umsonst trägt Görlitz den Beinamen „Görliwood“.
FAQ
Warum trägt die Justitia am Rathaus keine Augenbinde?
Die steinerne Justitia an der Rathaustreppe wurde bewusst ohne die traditionelle Augenbinde gemeißelt: Sie sollte ein sehendes, unvoreingenommenes Urteil anstelle blinder Rechtsprechung verkörpern.
Was ist ein Hallenhaus?
Ein Hallenhaus ist ein historisches Kaufmannshaus mit einem breiten Rundbogenportal und einer mehrstöckigen Halle im Inneren. Es war so konstruiert, dass Pferdefuhrwerke direkt hineinfahren konnten, um Handelswaren witterungsgeschützt abzuladen.
Wie funktioniert der Flüsterbogen am Untermarkt 22?
Das spätgotische Sandsteinportal besitzt eine tief eingemeißelte Hohlkehle. Flüstert man leise an einer Seite des Bogens hinein, werden die Schallwellen entlang der Rinne glasklar zur Person auf der gegenüberliegenden Seite geleitet.



