
Altes Rathaus Görlitz: Guide zur Renaissance-Architektur
Bestaune die beeindruckende Fassade und die historischen Details des Alten Rathauses, das den lebendigen Untermarkt prägt. An der südwestlichen Ecke dieses geschichtsträchtigen Handelsplatzes steht das Gebäude direkt gegenüber dem Schönhof. Zusammen zeigen die beiden Bauten den Renaissance-Wohlstand des frühen 16. Jahrhunderts, den Görlitz seiner strategischen Lage an der Handelsstraße Via Regia verdankte.
Eine Bühne für die städtische Macht
Erbaut zwischen 1537 und 1538 nach Entwürfen von Baumeister Wendel Roskopf dem Älteren, besticht das Rathaus durch eine markante Freitreppe der deutschen Frührenaissance. Statt den Aufgang diskret im Gebäudeinneren zu verstecken, ließ der Stadtrat diesen weithin sichtbaren Außenbau errichten, um städtische Autorität und Gerichtsprozesse öffentlichkeitswirksam zu inszenieren.
Die schwungvolle Wendeltreppe aus Sandstein führt hinauf zum spätmittelalterlichen Gerichtstrakt. In die Konstruktion integriert ist eine vorkragende Verkündungskanzel, getragen von schlanken Doppelsäulen. Früher war diese erhöhte Plattform der zentrale Ort für die Ratsherren, um Gesetze, Erlasse, Steuerverordnungen und Gerichtsurteile an das Volk zu verkünden, das sich unten auf dem Kopfsteinpflaster versammelte.
Handwerkskunst und die sehende Justitia
1591 stattete der Bildhauer Andreas Walther die Treppe mit einer Justitia-Statue und dekorativen Relieffriesen aus. Diese Ergänzungen sollten die hohe richterliche Gewalt und den souveränen Rechtsstatus der Stadt unübersehbar demonstrieren. Anders als in klassischen Darstellungen, bei denen Justitia eine Augenbinde als Zeichen unparteiischer Blindheit trägt, blickt die Görlitzer Figur mit weit geöffneten Augen in die Welt. Diese künstlerische Entscheidung stand für eine städtische Rechtsprechung, die wachsam und mit klarem Blick agierte.
Die geschwungene Sandsteinbrüstung ist kunstvoll mit einer Mischung aus feierlichen und verspielten Details verziert. Walthers Steinmetzarbeit zeigt den biblischen Sündenfall von Adam und Eva neben Fruchtgirlanden, Sirenen und kleinen gemeißelten Kinderfiguren, sogenannten Putten, die scheinbar das Geländer hinabrutschen. Die heutigen Relieftafeln und die Justitia-Statue sind Nachbildungen aus dem Jahr 1950. Die Originale wurden im Zweiten Weltkrieg zur Sicherheit über die Neiße gebracht und kehrten nie zurück.
Der moderne Verwaltungssitz
Bis heute ist das Alte Rathaus der aktive Verwaltungssitz der Stadt. Das markante Sandsteinmauerwerk bildet einen eindrucksvollen Kontrast zum hoch aufragenden Rathausturm im Stil der Gotik und Renaissance und macht das Ensemble zu einem beliebten Fotomotiv. Über die historischen Stufen schreiten heute Hochzeitspaare auf ihrem Weg ins Trauzimmer. Außerdem dient die Treppe als zentraler Treffpunkt für historische Führungen, die den 60 Meter hohen Rathausturm erklimmen.
FAQ
Warum trägt die Justitia am Alten Rathaus in Görlitz keine Augenbinde?
Anders als bei traditionellen Darstellungen hat die Görlitzer Justitia weit geöffnete Augen. Dies sollte eine städtische Rechtsprechung symbolisieren, die wachsam und weitsichtig war und mit offenen Augen urteilte.
Wann wurde die Treppe des Alten Rathauses erbaut?
Die Freitreppe im Stil der deutschen Frührenaissance wurde zwischen 1537 und 1538 von Baumeister Wendel Roskopf dem Älteren entworfen und erbaut.
Sind die Skulpturen an der Rathaustreppe Originale?
Nein, die heutigen Relieftafeln und die Justitia-Statue sind Nachbildungen aus dem Jahr 1950. Die Originalwerke von Andreas Walther aus dem Jahr 1591 wurden im Zweiten Weltkrieg zur Sicherung über die Neiße gebracht und kehrten nie zurück.



