
Landgrafenschloss: Marburgs Festung auf der Höhe
Auf dem Gipfel des Marburger Schlossbergs thronte einst eine mittelalterliche Wehranlage, die Schauplatz eines historischen Streits führender Reformatoren wurde und Jahrhunderte später zum Umschlagplatz erbeuteter NS-Geheimnisse avancierte. Im 11. Jahrhundert von den thüringischen Grafen gegründet, erhebt sich das Landgrafenschloss (auch bekannt als Marburger Schloss) auf dem 287 Meter hohen Schlossberg. Im späten 13. Jahrhundert wurde es unter Heinrich I. zur Hauptresidenz der Landgrafschaft Hessen.
Als weithin sichtbare Krone Marburgs prägt das Schloss die Stadt bis heute aus der Höhe, ein stolzer weltlicher Gegenpol zur ehrwürdigen Elisabethkirche unten im Tal, einer der bedeutendsten mittelalterlichen Pilgerstätten.
Gotische Architektur und mittelalterliche Fundamente
Das Schloss vereint verschiedene Epochen unter einem Dach. Die Schlosskapelle von 1288 und der zwischen 1493 und 1500 errichtete Wilhelmsbau dokumentieren den stetigen Ausbau der Festung. Der Fürstensaal sticht als einer der bedeutendsten profangotischen Säle hervor.
Im Westflügel stehst du auf gläsernen Stegen über tief freigelegten mittelalterlichen Grundmauern, ein direkter Blick auf die allererste Bauphase der Festung.
Das Marburger Religionsgespräch
1529 wurde das Schloss zum Schauplatz des Marburger Religionsgesprächs. Landgraf Philipp der Großmütige versammelte die führenden Köpfe der Reformation, darunter Martin Luther und Huldrych Zwingli, die sich hier beim Abendmahlsstreit legendär verkeilten.
Romantische Gemälde des 19. Jahrhunderts verlegen diese theologische Zerreißprobe gern in den prachtvollen gotischen Fürstensaal. Historische Dokumente belegen jedoch, dass die hitzigen Diskussionen tatsächlich in den Privatgemächern des Südflügels stattfanden.
Unterirdische Gewölbe und der Hexenturm
Über die Jahrhunderte wurde die Wehranlage kontinuierlich aufgerüstet. Der Hexenturm entstand 1478 als hochmoderner Geschützturm für die Artillerie. Seinen düsteren Namen bekam er erst Jahrhunderte später, als man ihn zum Gefängnis umfunktionierte.
1807 ließ Napoleon die Bastionen der Festung sprengen. Die Explosionen begruben die unterirdischen Kasematten unter Schutt und Geröll, wo sie bis zum Beginn der Ausgrabungen im Jahr 1977 verborgen blieben. Heute hallen Schritte durch die feucht-kühlen Steingewölbe.
Die Windsor-Akten
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg spielte das Schloss eine überraschende Rolle: Im Mai 1945 sichteten und bearbeiteten alliierte Geheimdienste hier 400 Tonnen erbeutete diplomatische Akten des NS-Regimes. Darunter befanden sich auch die brisanten „Windsor-Akten“, die heikle Kontakte und Berichte rund um den Herzog von Windsor enthüllten.
Ein modernes Kulturzentrum
Seit 1981 dient das Landgrafenschloss als kulturhistorische Abteilung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität Marburg. Das Museum öffnet von Dienstag bis Sonntag seine Türen und zeigt neben seiner Dauerausstellung wechselnde Sonderschauen. Die Schlossparkterrassen sind frei zugänglich, und wer die unterirdischen Kasematten erkunden möchte, schließt sich einer Führung an.
FAQ
Was hat es mit dem Hexenturm am Landgrafenschloss auf sich?
Der Hexenturm wurde 1478 als hochmoderner Artillerie- und Geschützturm erbaut. Seinen berüchtigten Beinamen erhielt er erst Jahrhunderte später, als man ihn als Gefängnis nutzte.
Wo fand das Marburger Religionsgespräch von 1529 wirklich statt?
Während Gemälde aus dem 19. Jahrhundert das Treffen im prunkvollen gotischen Fürstensaal zeigen, belegen historische Quellen, dass Martin Luther und Huldrych Zwingli tatsächlich in den privaten Gemächern des Südflügels debattierten.
Warum waren die Kasematten des Schlosses verschüttet?
Die unterirdischen Kasematten wurden 1807 unter Trümmern begraben, als Napoleon die Sprengung der Festungsbastionen befahl. Sie blieben verborgen, bis 1977 gezielte Ausgrabungen begannen.
Was sind die Windsor-Akten?
Die „Windsor-Akten“ sind brisante erbeutete Diplomatenakten des NS-Regimes, die alliierte Geheimdienste im Mai 1945 im Marburger Schloss sichteten. Sie waren Teil eines 400 Tonnen schweren Aktenfundes.



