
St.-Marien-Kirche Stralsund: Einst das höchste Gebäude der Welt
Fast ein Jahrhundert lang stand das höchste Gebäude der Erde nicht etwa in Rom oder Paris, sondern in Stralsund. Die St.-Marien-Kirche besticht durch hochaufragende Backsteinarchitektur aus dem 14. Jahrhundert und einen gewaltigen Glockenturm. Direkt am Neuen Markt gelegen, ist sie bis heute ein architektonisches Meisterwerk der Hanse und ein Herzstück des Stralsunder UNESCO-Welterbes.
Ein Meisterwerk der Backsteingotik
Mit rund 96 Metern Länge und 41 Metern Breite zählt die St.-Marien-Kirche zu den größten gotischen Backsteinbauten im gesamten Ostseeraum. Das Mittelschiff ragt knapp 33 Meter in die Höhe und lässt einen gewaltigen, weitläufigen Innenraum entstehen. Das imposante Westwerk, ab 1416 errichtet, besteht aus zwei Seitenhallen, einem kolossalen Mittelturm und vier flankierenden vieleckigen Treppentürmen.
Der Turm, der die Welt überragte
Erstmals 1298 urkundlich erwähnt, wurde die Kirche nach einem ersten Turmeinsturz im Jahr 1382 zwischen 1384 und 1478 grundlegend neu errichtet. Doch die Ambitionen kannten keine Grenzen, selbst als 1495 ein schwerer Sturm die Turmspitze zerlegte. Von 1549 bis 1647 reckte sich der gotische Helm auf spektakuläre 151 Meter in den Himmel, was St. Marien offiziell zum höchsten Bauwerk der Welt machte. Dieser Rekord fand 1647 ein jähes Ende, als ein Blitzschlag ein verheerendes Feuer entfachte und die Spitze vernichtete. Die heutige, 104 Meter hohe barocke Haube mit Laterne trat 1708 an ihre Stelle.
Historische Turbulenzen
Neben Einstürzen und Bränden hatte St. Marien noch ganz andere Stürme zu überstehen. Zwischen 1807 und 1810 beschlagnahmten französische Besatzungstruppen das Gotteshaus. Der monumentale Sakralraum wurde kurzerhand zur Kaserne und zum Heumagazin umfunktioniert, was große Teile der historischen Innenausstattung unwiederbringlich zerstörte.
Die Stellwagen-Orgel von 1659
Hoch an der Westwand thront der filigran gearbeitete, 20 Meter hohe, vergoldete barocke Orgelprospekt aus Holz und setzt einen spektakulären Kontrast zum wuchtigen Backsteingewölbe. Friedrich Stellwagen baute das Instrument zwischen 1655 und 1659. Das Projekt war derart gigantisch, dass der Orgelbaumeister seine Werkstatt kurzerhand direkt in den Turmhallen der Kirche einrichtete.
Der Prospekt ist reich verziert mit Himmelskörpern wie Sonne, Mond und Sternen, gekrönt von einer Statue des Harfe spielenden Königs David im Kreis musizierender Engel. Einer dieser Engel hält das Familienwappen der Stellwagens, das passenderweise ein Wagengestell zeigt. Sobald die Pfeifen aus dem 17. Jahrhundert erklingen, füllt ein glasklarer, obertonreicher Klang den weiten Raum mit seinem langen Nachhall.
Lebendige Gegenwart und weiter Blick
Heute dient St. Marien als lebendige evangelisch-lutherische Gemeindekirche. Zudem hat sie sich als renommierter Konzertort etabliert, an dem regelmäßig Orgelkonzerte und die alljährlichen Friedrich-Stellwagen-Orgeltage stattfinden. Zugleich bietet sie den wohl besten Aussichtspunkt Stralsunds. Wer die 366 Stufen des 104 Meter hohen Turms bezwingt, wird mit einem fantastischen Rundumblick über die Silhouette der Stadt, den Strelasund und die nahe Insel Rügen belohnt.
FAQ
Warum ist die St.-Marien-Kirche in Stralsund historisch so bedeutend?
Zwischen 1549 und 1647 war die St.-Marien-Kirche das höchste Gebäude der Welt. Ihre ursprüngliche gotische Turmspitze ragte rund 151 Meter in die Höhe, bevor sie durch ein von einem Blitzschlag ausgelöstes Feuer zerstört wurde.
Kann man den Turm der St.-Marien-Kirche besteigen?
Ja, der 104 Meter hohe Turm mit seiner barocken Haube dient als Aussichtsplattform. Nach dem Aufstieg über 366 Stufen eröffnet sich ein weiter Panoramablick über Stralsund, den Strelasund und die Insel Rügen.
Was geschah mit der Kirche während der französischen Besatzung?
Von 1807 bis 1810 nutzten französische Besatzungstruppen die Kirche als Militärkaserne und Heumagazin. Durch diese Beschlagnahmung wurde ein Großteil der historischen Innenausstattung zerstört.



