Kloster Santa Giulia: Brescias UNESCO-Welterbestätte
Königliche Gründung der Langobarden
Das Kloster Santa Giulia, historisch als Benediktinerkloster San Salvatore und Santa Giulia gegründet, liegt im lombardischen Brescia. Der monumentale Komplex wurde 753 n. Chr. von Desiderius, dem damaligen Herzog von Brescia und späteren letzten Langobardenkönig Italiens, gemeinsam mit seiner Gemahlin Königin Ansa ins Leben gerufen. Das königliche Paar setzte seine Tochter Anselperga als erste Äbtissin ein. Als einflussreiches geistliches Zentrum und Bildungsstätte für Töchter und Witwen des langobardischen und karolingischen Adels behielt das Kloster seine umfangreichen Besitztümer und kaiserlichen Privilegien auch nach dem Sieg der Franken unter Karl dem Großen über das Langobardenreich im Jahr 774 n. Chr.
An der Via dei Musei am Fuße des Colle Cidneo gelegen, grenzt der Komplex unmittelbar an das Capitolium und das Forum des antiken Brixia. Im Jahr 2011 wurde die Stätte als Teil des seriellen Welterbes „Die Langobarden in Italien: Orte der Macht (568 bis 774 n. Chr.)“ in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.
Architektonische Schichten und Ausgrabungen
Auf rund 14.000 Quadratmetern erzählt das Klosterareal von Jahrhunderten städtebaulicher und architektonischer Kontinuität. Unter den mittelalterlichen Mauern verbirgt sich die Domus dell’Ortaglia, ein Wohnviertel aus dem 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. Diese in situ freigelegten und konservierten römischen Wohnbereiche bestechen durch erhaltenen Wandverputz, geometrische Mosaike und antike Hypokausten-Fußbodenheizungen.
Über diesen antiken Fundamenten erhebt sich die langobardische Basilika San Salvatore aus dem 8. Jahrhundert, die eigentliche Keimzelle der königlichen Abtei. Mitte des 12. Jahrhunderts veränderten umfassende romanische Umbauten das Anwesen grundlegend: Kreuzgänge wurden neu errichtet, die Krypta zur Aufnahme der Reliquien der heiligen Julia erweitert und das zweigeschossige steinerne Oratorium Santa Maria in Solario erbaut. Dessen oberer Raum beeindruckt mit einem Tonnengewölbe und einer halbkugelförmigen Kuppel in tiefem Lapislazuliblau, übersät mit Sternen aus Blattgold.
Spätere Erweiterungen prägten das Bild des Klosters weiter. 1466 riss man die ursprüngliche Fassade der Basilika San Salvatore ab, um den erhöht liegenden Coro delle Monache (Nonnenchor) zu schaffen. Dieser Raum im oberen Stockwerk erlaubte es den Klausurnonnen, den Messen beizuwohnen, ohne von den weltlichen Gläubigen gesehen zu werden. Der Saal beherbergt großformatige Fresken des 16. Jahrhunderts von Meistern wie Floriano Ferramola und Paolo da Cailina dem Jüngeren neben kunstvoll behauenen Grabmälern. Die eigenständige Renaissancekirche Santa Giulia wurde schließlich 1599 fertiggestellt.
Heilige Schätze und Reliquien
Das Kloster birgt bedeutende frühchristliche und mittelalterliche Kostbarkeiten. Zu den berühmtesten zählt das Desiderius-Kreuz (Croce di Desiderio), ein Vortragekreuz aus dem 9. Jahrhundert, das im Oratorium Santa Maria in Solario ausgestellt ist. Es ist mit 212 Zierelementen geschmückt, die Edelsteine, farbiges Glas und antike Spolien vereinen, darunter eine geschnittene römische Porträtkamee aus dem 3. Jahrhundert, die kunstvoll in die mittelalterliche Fassung eingelassen wurde.
Ein weiteres Meisterwerk der Sammlung ist das Reliquiar von Brescia (Lipsanoteca). Dieses kunstvoll geschnitzte Elfenbeinkästchen aus dem 4. Jahrhundert zeigt detailreiche Szenen aus dem Alten und Neuen Testament.
Säkularisation und heutige Nutzung als Museum
Das klösterliche Leben fand 1798 ein jähes Ende, als die Abtei infolge der französischen Besatzung und revolutionärer Dekrete säkularisiert wurde. Von Militärbehörden beschlagnahmt, diente die Anlage fortan als Kavalleriekaserne, was einen schleichenden architektonischen Verfall und die Zerstreuung der historischen Ausstattung nach sich zog.
Die Rückbesinnung begann 1882 mit der Eröffnung des Museums des christlichen Zeitalters in Teilen des Komplexes. Nachdem die Stadtverwaltung von Brescia das gesamte Gelände Ende des 20. Jahrhunderts übernommen und aufwendige archäologische Grabungen veranlasst hatte, öffnete das Ensemble 1998 unter dem Dach der Fondazione Brescia Musei als Museo di Santa Giulia erneut. Heute reicht der Bogen der Ausstellungen vom 4. Jahrtausend v. Chr. bis ins 18. Jahrhundert. Intakte römische Wohnbauten und mittelalterliche Gotteshäuser sind organisch in den Museumsrundgang eingebunden, während die Kirche aus dem 16. Jahrhundert als Kulisse für Veranstaltungen und Tagungen dient.
FAQ
Wer gründete das Kloster Santa Giulia?
Das Kloster wurde 753 n. Chr. von Desiderius, dem späteren letzten Langobardenkönig Italiens, und seiner Gemahlin Königin Ansa gegründet. Ihre gemeinsame Tochter Anselperga diente als erste Äbtissin.
Was ist das Desiderius-Kreuz?
Das Desiderius-Kreuz ist ein Vortragekreuz aus dem 9. Jahrhundert, das mit 212 Schmuckelementen besetzt ist, darunter Edelsteine, Buntglas und antike Spolien wie eine gravierte römische Kamee aus dem 3. Jahrhundert.
Welche antiken Ruinen liegen unter dem Kloster?
Unter dem Museumskomplex liegt die Domus dell’Ortaglia, eine römische Wohnstätte aus dem 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr., die mit Mosaiken, Wandmalereien und Hypokausten-Heizungen in situ erhalten ist.
Warum wird das Kloster mit Alessandro Manzonis Adelchi in Verbindung gebracht?
Der literarischen und lokalen Überlieferung nach starb Ermengarda, die Tochter von König Desiderius und verstoßene Gemahlin Karls des Großen, in diesem Kloster. Berühmt wurde dieses Schicksal vor allem durch Alessandro Manzonis Tragödie Adelchi aus dem Jahr 1822.



