
Antikes Theater von Taormina: Geschichte und Architektur
Ein klassisches Monument auf dem Monte Tauro
Auf einer natürlichen Terrasse des Monte Tauro thronend, ist das antike Theater von Taormina (Teatro Antico di Taormina) das zweitgrößte Theater der Antike auf Sizilien, an Dimensionen nur übertroffen von der Anlage in Syrakus. Als Teil des Parco Archeologico di Naxos e Taormina umfasst das Bauwerk eine Cavea mit über 100 Metern Durchmesser, die in der Antike schätzungsweise 5.000 bis 10.000 Zuschauern Platz bot.
Die Anlage bewahrt die klassische Dreiteilung antiker Theater: eine in den Fels geschlagene cavea (die ansteigenden Zuschauerränge), eine halbrunde orchestra (die zentrale Spielfläche) und eine gemauerte scaenae frons (das Bühnenhaus). Am Ende der Via Teatro Greco gelegen, unweit der Porta Messina und des Corso Umberto, bildet das Theater das weithin sichtbare Herzstück der historischen Altstadt.
Hellenistische Ursprünge und syrakusanische Wurzeln
Seine Anfänge nahm das Theater in der hellenistischen Epoche des 3. Jahrhunderts v. Chr., errichtet im politischen und kulturellen Einflussbereich von Syrakus unter der Herrschaft Hierons II. Die griechischen Baumeister schlugen die Sitzreihen direkt in den Fels des Monte Tauro und richteten den Zuschauerraum ganz bewusst so aus, dass Aufführungen vom Meer und dem rauchenden Gipfel des Ätna eingerahmt wurden. Damals bot das Areal die Kulisse für griechische Tragödien und Komödien, diente aber ebenso als Versammlungsort für die Bürgerschaft.
Dass Taormina eng mit dem syrakusanischen Hof verbunden war, belegen handfeste Funde: Archäologen stießen auf Inschriften in den Sitzreihen, die den Namen von Philistis tragen, der Gemahlin Hierons II. Ein epigraphisches Zeugnis aus erster Hand, das die früheste Bauphase eindeutig der Herrschaft von Syrakus zuordnet.
Römischer Umbau und Verwandlung zur Arena
Auch wenn man landläufig vom „Griechischen Theater“ (Teatro Greco) spricht, stammt fast das gesamte sichtbare Mauerwerk aus römischer Zeit. Im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. bauten römische Baumeister den Komplex grundlegend um und erweiterten ihn mit Ziegeln und Marmor, wobei sie ihre eigene Ingenieurskunst über das griechische Felsfundament legten.
Unter kaiserlicher Verwaltung wandelte sich der Musentempel zur Arena für Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen (venationes). Um diesen Spektakeln Raum zu geben, bauten die Römer überwölbte Ziegelgänge (vomitoria), passten die unteren Sitzreihen an und zogen eine zweistöckige Ziegelbühnenwand hoch, die einst mit Marmorsäulen verkleidet war. Bis heute zeugt davon ein tiefer Schutzgraben rings um die Orchestra, der eigens in den Boden gehauen wurde, um das Publikum vor wilden Bestien in der Manege zu schützen.
Vom mittelalterlichen Steinbruch zur Grand Tour
Nach dem Ende der Antike verfiel das verlassene Bauwerk und endete schließlich als bequemer Steinbruch. Marmorverkleidungen und Granitsäulen wurden herausgerissen, um damit örtliche Befestigungen und den Dom von Taormina zu errichten.
Erst im späten 18. Jahrhundert erlebte das Monument als Pflichtstation der Grand Tour seine weltweite Wiederentdeckung. Johann Wolfgang von Goethe hielt seinen Besuch von 1787 in der Italienischen Reise fest und bemerkte, wohl nie habe ein Theaterpublikum einen derart grandiosen Blick in die Landschaft genossen. Diese Begeisterung gab im 19. Jahrhundert den Anstoß für erste Restaurierungen, bei denen etliche umgestürzte Säulen der Bühnenwand wieder aufgerichtet wurden, und verwandelte das verschlafene Felsenstädtchen Taormina in ein glanzvolles Kulturreiseziel.
Moderne Aufführungen und natürliche Akustik
Heute ist das Theater als Monument des Parco Archeologico di Naxos e Taormina ganzjährig für Besucher geöffnet, tagsüber wie auch zu stimmungsvollen sommerlichen Abendöffnungen. Die Geometrie der steinernen Cavea sorgt bis heute für eine bestechende Akustik: Ein ohne Verstärkung gesprochenes Wort im Zentrum der Orchestra trägt mühelos bis in die obersten Ränge hinauf.
Auch als Freiluftbühne ist das Theater quicklebendig. In den Sommermonaten finden hier Sinfoniekonzerte, Ballette, das Sommerfestival Taormina Arte und das renommierte internationale Taormina Film Fest statt.
FAQ
Warum heißt das Bauwerk „Griechisches Theater“, wenn die Ruinen römisch sind?
Obwohl die Griechen das Theater im 3. Jahrhundert v. Chr. ursprünglich in den Fels schlugen, stammen fast alle heute sichtbaren Mauern, darunter das rötliche Ziegelwerk, die Bogengänge und die Bühnenwand, aus römischen Umbauten des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr.
Welche baulichen Spuren beweisen, dass das Theater für Gladiatorenkämpfe genutzt wurde?
Bis heute ist ein tiefer Schutzgraben zu sehen, der rings um die Orchestra direkt in den Fels geschlagen wurde. Römische Ingenieure bauten diese Barriere, um die Zuschauer bei Tierhetzen und Gladiatorenkämpfen vor Raubtieren zu schützen.
Was schrieb Johann Wolfgang von Goethe über das Theater?
Als Goethe das Theater 1787 auf seiner *Italienischen Reise* besuchte, notierte er, noch nie habe ein Theaterpublikum einen so überwältigenden Blick in die Landschaft vor sich gehabt. Er bezog sich dabei auf das Panorama der Küste und des Ätna, das sich durch die Öffnungen der Bühnenwand auftut.



