
Guide zur Piazza Carlina (Carlo Emanuele II) in Turin
Offiziell heißt sie Piazza Carlo Emanuele II, doch für ganz Turin ist dieser 120 mal 120 Meter große Platz schlicht die Piazza Carlina. Die weitläufig gepflasterte Fläche wirkt im Vergleich zum engen Straßenraster ringsum überraschend monumental und lenkt den Blick unweigerlich auf das mehrstufige Cavour-Denkmal aus weißem Marmor und Baveno-Granit im Zentrum. Für Fußgänger ist der Platz das entscheidende Bindeglied zwischen der königlichen Achse aus Piazza Castello und Via Po und dem historischen jüdischen Ghetto.
Königliche Ambitionen und ein spöttischer Spitzname
Angelegt im Jahr 1673 während Turins zweiter Stadterweiterung unter Herzog Carlo Emanuele II., plante Architekt Amedeo di Castellamonte den Platz ursprünglich als achteckige Place Royale. Nach dem Tod des Herzogs und zähen Grundstücksverkäufen wurde der hochfliegende Plan 1678 jedoch empfindlich herabgestuft, zu einem schnöden rechteckigen Wein-, Holz- und Kohlemarkt. Der Volksmund taufte den Platz kurzerhand „Carlina“ („kleine Carla“), eine augenzwinkernde Spitze gegen das als feminin empfundene Auftreten des Herzogs.
Eine düstere Ära der Hinrichtungen
Während der französischen Besatzung von 1800 bis 1814 benannte man den Platz in Place de la Liberté um, und die Freiheit zeigte sich von ihrer finsteren Seite: Er wurde zur zentralen Hinrichtungsstätte der Stadt, an der über 400 Menschen unter der Guillotine starben. Selbst nach der savoyischen Restauration wurden hier vorübergehend noch Galgen aufgestellt.
Architektur und der Briefbeschwerer
Rund um die Piazza Carlina reihen sich bedeutende historische Bauten aneinander, darunter der Palazzo del Collegio delle Province und die barocke Kirche Santa Croce von 1718. Entworfen von Filippo Juvarra, beherbergt das Gotteshaus heute eine rumänisch-orthodoxe Gemeinde.
In der Platzmitte thront das 1873 errichtete Denkmal für den Staatsmann Camillo Benso, Graf von Cavour, geschaffen von Bildhauer Giovanni Duprè. Cavour hält eine Pergamentrolle mit seiner berühmten politischen Devise in der Hand: „Libera Chiesa in libero Stato“ (Freie Kirche in einem freien Staat). Allen Prunkes zum Trotz verpassten die Turiner dem wuchtigen Sockel mit seiner etwas unglücklich drapierten allegorischen Figur prompt einen Spitznamen: „il fermacarte“, der Briefbeschwerer.
Moderner Wandel und die Casa Gramsci
Heute spiegelt die Piazza Carlina den Wandel von herzoglicher Reißbrett-Planung zu lebendigem Stadtleben wider. Als verkehrsberuhigte Zone lädt sie zum Flanieren und Verweilen zwischen Restaurants und Cafés ein. Im historischen ehemaligen Albergo di Virtù befindet sich heute ein Luxushotel samt der Casa Gramsci. Dieser Ausstellungsraum erinnert an Antonio Gramsci, der von 1919 bis 1921 in der Hausnummer 15 lebte und von hier aus die sozialistische Zeitschrift L'Ordine Nuovo herausgab.
FAQ
Warum heißt die Piazza Carlo Emanuele II eigentlich Piazza Carlina?
Die Turiner Bevölkerung erfand den Spitznamen „Carlina“ („kleine Carla“), um sich augenzwinkernd über das als feminin empfundene Auftreten von Herzog Carlo Emanuele II. lustig zu machen.
Welches Denkmal steht in der Mitte der Piazza Carlina?
Im Zentrum steht ein Denkmal von 1873 für den Staatsmann Camillo Benso, Graf von Cavour. Wegen des massiven Sockels und der etwas unbeholfen drapierten allegorischen Figur tauften die Einheimischen die Statue spöttisch „der Briefbeschwerer“.
War die Piazza Carlina eine Hinrichtungsstätte?
Ja. Während der französischen Besatzung von 1800 bis 1814 hieß sie Place de la Liberté und diente als wichtigste Hinrichtungsstätte der Stadt, an der mehr als 400 Menschen durch die Guillotine starben.



