Palazzo Madama: Turins Haus der Jahrhunderte - Turin
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Palazzo Madama: Turins Haus der Jahrhunderte

Turin, Italy

Die Geschichte zweier Fassaden

Mitten auf der Piazza Castello in Turin bietet der Palazzo Madama e Casaforte degli Acaja einen der verblüffendsten architektonischen Kontraste Europas. Nach Westen hin zeigt sich das Bauwerk mit einer strahlenden, barocken Fassade aus weißem Marmor und großen Rundbogenfenstern, die Filippo Juvarra zwischen 1718 und 1721 entwarf. Nähert man sich dem Palast jedoch von hinten, folgt ein abrupter Bruch: Roher, dunkelroter Backstein aus dem Mittelalter übernimmt das Bild, inklusive Zinnenkranz und wehrhafter Rundtürme.

Diese gespaltene Persönlichkeit verdankt das Gebäude einem unvollendeten Großprojekt. Juvarras barocke Fassade, in Auftrag gegeben von Maria Johanna von Savoyen-Nemours, sollte eigentlich die gesamte mittelalterliche Burg umhüllen. Doch bevor mehr als der vordere Risalit und die monumentale Prunktreppe fertiggestellt waren, ging schlicht das Geld aus. Zurück blieb ein Bauwerk, das bis heute zwischen zwei völlig unterschiedlichen Epochen feststeckt.

Das Haus der Jahrhunderte

Der italienische Dichter Guido Gozzano taufte den Palazzo Madama einst treffend auf den Namen „Haus der Jahrhunderte“, denn in diesem einzigen Bauwerk stapeln sich gut 2.000 Jahre Turiner Stadtgeschichte Schicht für Schicht. Das Fundament ruht auf der Porta Decumana aus dem 1. Jahrhundert nach Christus, dem einstigen östlichen Stadttor der römischen Kolonie Augusta Taurinorum.

Im 13. Jahrhundert bauten die Markgrafen von Montferrat das römische Tor zu einem befestigten Wehrhaus um. Im 14. und 15. Jahrhundert erweiterten die Fürsten von Savoyen-Acaja diesen Bau zu einer Burg mit vier Türmen. Schließlich machten im 17. und 18. Jahrhundert zwei savoyische Regentinnen, die „Madama Reali“ Christina von Frankreich und Maria Johanna von Savoyen-Nemours, die Burg zu ihrer Residenz. Mit umfassenden Umbauten verwandelten sie die trutzige Festung in einen königlichen Palast.

Eine Bühne der italienischen Geschichte

Über seine architektonische Wandlung hinaus war der Palazzo Madama Schauplatz entscheidender historischer Wendepunkte. Von 1861 bis 1865 tagte hier der erste Senat des frisch geeinten Königreichs Italien.

Auch spirituell und gesellschaftlich stand das Gebäude immer wieder im Mittelpunkt. Ab 1578 präsentierten die Herzöge von Savoyen bei feierlichen Anlässen das Turiner Grabtuch von der Loggia des Palastes. Im Mai 1949 versammelte sich hier ganz Italien in Trauer: Im Prunksaal des Palastes wurde die öffentliche Trauerfeier für die legendäre Fußballmannschaft des „Grande Torino“ abgehalten, die bei der Flugzeugkatastrophe von Superga ums Leben gekommen war.

Im Museo Civico d'Arte Antica

Seit 1934 beherbergt der Palazzo Madama das Museo Civico d'Arte Antica. Über 70.000 Kunstwerke verteilen sich auf vier Ebenen und spiegeln die historische Schichtung des Gebäudes wider. Im ehemaligen Burggraben und dem Lapidarium erwarten dich römische Fundamente und mittelalterliche Steinmetzkunst. Das Erdgeschoss gehört der Kunst der Gotik und Renaissance, darunter Antonello da Messinas berühmtes „Porträt eines Mannes“.

Eine Etage höher, im Piano Nobile, öffnen sich barocke Prunkgemächer mit originalen vergoldeten Stuckaturen und königlichem Mobiliar. Im zweiten Stock wartet eine umfangreiche Sammlung angewandter Kunst mit feinem Porzellan, Goldschmiedearbeiten, Textilien und Elfenbein. Ganz oben belohnt dich ein hoher Turm mit einem Rundumblick über das Herz von Turin, die historische Altstadt und die Achsen der Via Garibaldi und Via Po.

FAQ

Warum sieht der Palazzo Madama wie zwei verschiedene Gebäude aus?

Das Gebäude kombiniert eine unvollendete Barockfassade von Filippo Juvarra aus dem 18. Jahrhundert mit einer mittelalterlichen Backsteinburg aus dem 14. Jahrhundert. Bevor die gesamte Burg im neuen Barockstil verkleidet werden konnte, ging schlicht das Geld aus.

Was befindet sich heute im Palazzo Madama?

Seit 1934 beherbergt der Palast das Museo Civico d'Arte Antica (Städtisches Museum für antike Kunst). Es zeigt über 70.000 Kunstwerke auf vier Etagen, von römischen Steinfunden bis hin zu barocker Handwerkskunst.

Warum wird der Palazzo Madama „Haus der Jahrhunderte“ genannt?

Der italienische Dichter Guido Gozzano gab dem Gebäude diesen Beinamen, weil hier 2.000 Jahre Turiner Geschichte sichtbar aufeinandertreffen: von römischen Toren aus dem 1. Jahrhundert über eine mittelalterliche Festung und ein Barockschloss bis hin zum ersten Senat des geeinten Italiens.

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