Ziel

Oratorium des heiligen Philipp Neri in Gràcia, Barcelona

Barcelona, Spain

Ursprünge und neobarocke Architektur

Das Oratorium des heiligen Philipp Neri, von den Einheimischen schlicht els Felipons genannt, steht an der Carrer del Sol 8 im Barceloneser Viertel Vila de Gràcia. Die Wurzeln des Konvents reichen bis ins Jahr 1883 zurück, als Gràcia noch eine eigenständige Gemeinde vor den Toren Barcelonas war. Nach damaligem katholischem Kirchenrecht war nämlich nur ein einziges Philipp-Neri-Oratorium pro Gemeinde zulässig. Die Gemeinschaft konnte sich hier also überhaupt nur gründen, weil Gràcia noch nicht nach Barcelona eingemeindet worden war. Dieser Schritt folgte erst 1897.

Am 1. Juni 1883 wurde der Grundstein gelegt, und schon 1885 öffnete eine erste Kapelle ihre Pforten. Als die Gemeinschaft wuchs, erhielt der Architekt Josep Artigas i Ramoneda den Auftrag für eine größere, neobarocke Kirche, die 1901 feierlich eingeweiht wurde. Ihre Fassade wird heute oft mit der Kirche Sant Felip Neri im Gotischen Viertel verwechselt. Kein Zufall: Artigas i Ramoneda gestaltete die Front in Gràcia ganz bewusst als Replik ihres älteren Vorbilds aus der Altstadt.

Der Brand der Tragischen Woche und Joan Maragall

Um die Wende zum 20. Jahrhundert war Gràcia ein radikales Arbeiterviertel, geprägt von scharfen sozialen, religiösen und politischen Spannungen. Am 27. Juli 1909 entluden sich diese Konflikte während der antiklerikalen Aufstände der sogenannten Tragischen Woche (Setmana Tràgica). Aufständische steckten den Komplex in Brand, der daraufhin vollständig ausbrannte und nur beschädigte Außenmauern und verkohltes Steinwerk hinterließ.

Kurz nach der Zerstörung besuchte der renommierte katalanische modernistische Dichter und Journalist Joan Maragall die Ruine. Tief berührte ihn der Anblick eines Priesters, der unter freiem Himmel an einem einfachen Holztisch die Messe las, während hoch oben auf den freiliegenden Mauern ein Chor sang. Diese ergreifende Szene inspirierte Maragall zu seinem wirkmächtigen Artikel L'Església cremada („Die verbrannte Kirche“), der im Dezember 1909 in La Veu de Catalunya erschien und die Selbstgefälligkeit sowie die scheinheilige Frömmigkeit des katalanischen Bürgertums anprangerte. Eine Metalltafel rechts neben dem Eingangsportal erinnert daran, dass dieses literarische Werk genau hier seinen Anfang nahm.

Bürgerkrieg und heutiges Gemeindeleben

Der Spanische Bürgerkrieg (1936 bis 1939) brachte neue Erschütterungen. Während der Kämpfe wurde der Kirchenkomplex als Militärkaserne beschlagnahmt, und fünf Priester der Gemeinschaft verloren ihr Leben.

Heute ist das Oratorium nach wie vor eine aktive Pfarrgemeinde und ein lebendiger Treffpunkt im Herzen der Vila de Gràcia. Neben den regulären Gottesdiensten, darunter die tägliche Messe um 11:00 Uhr, finden hier Chorproben statt, und während der alljährlichen Festa Major verwandelt sich das Gebäude in eine Bühne für Konzerte klassischer Musik. Auch die Nachbarschaftsjugend der Gruppe Esplai JASD hat hier ihr Zuhause. Zudem pflegt man alte katalanische Bräuche wie das Ou com balla (das „tanzende Ei“ an Fronleichnam) und eine alljährliche monumentale Weihnachtskrippe.

FAQ

Warum ähnelt die Kirchenfassade der von Sant Felip Neri im Gotischen Viertel?

Der Architekt Josep Artigas i Ramoneda gestaltete die neobarocke Fassade von 1901 ganz bewusst als Replik der älteren, gleichnamigen Kirche im Gotischen Viertel von Barcelona.

Welche historische Bedeutung hat die Gedenktafel am Eingang?

Die Metalltafel rechts neben dem Portal erinnert an die Freiluftmesse in den Brandruinen der Kirche nach der Tragischen Woche von 1909, die Joan Maragall zu seinem berühmten Artikel „L'Església cremada“ inspirierte.

Wie beeinflusste der kommunale Status von Gràcia die Gründung des Oratoriums?

Da das Kirchenrecht jeder Gemeinde nur ein einziges Philipp-Neri-Oratorium erlaubte, konnte diese Gemeinschaft nur entstehen, solange Gràcia vor seiner Eingemeindung nach Barcelona im Jahr 1897 noch eine eigenständige Stadt war.

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