Haga: Göteborgs älteste Vorstadt und historisches Viertel
Göteborgs älteste Vorstadt verdankt ihre Existenz einem baurechtlichen Schlupfloch und ihre Rettung vor der Abrissbirne einem handfesten Bürgeraufstand. Heute ist das historische Viertel Haga ein sorgfältig erhaltenes Kleinod, berühmt für seine eigenwillige Architektur und eine lebendige Cafékultur. Eingebettet zwischen dem zentralen Kanalring, dem Järntorget und dem Linné-Viertel schlägt es die historische Brücke vom Stadtkern des 17. Jahrhunderts hinauf zur Festung Skansen Kronan.
Ein cleverer baulicher Kniff
Das unverwechselbare Gesicht von Haga prägen die sogenannten Landshövdingehus, die Landeshauptmannshäuser. Diese markanten Bauten besitzen ein Erdgeschoss aus Ziegel oder Stein, auf das zwei Obergeschosse aus Holz gesetzt wurden. Ihre pastell- und erdigen Fassaden säumen das erhaltene Kopfsteinpflaster und verleihen dem Viertel seinen ganz eigenen Charakter.
Dieser architektonische Sonderweg war ein Kind der Not: Im 19. Jahrhundert verbot die Göteborgs Brandschutzordnung strengstens, Holzhäuser mit mehr als zwei Stockwerken zu errichten. Findige Bauherren umgingen die Vorschrift kurzerhand, indem sie das unterste Stockwerk mauerten und dreist als „oberirdischen Keller“ deklarierten, was ihnen erlaubte, noch zwei volle Holzgeschosse daraufzusetzen.
Als der Stadtrat diese Baupläne zunächst abschmetterte, legte der Landeshauptmann (Landshövding) sein Veto ein und kippte die Entscheidung. Damit gab er nicht nur grünes Licht für den Bau, sondern stiftete dem neuen Baustil gleich noch seinen Namen.
Vom Kahlschlag zum Denkmalschutz
Haga entstand Mitte des 17. Jahrhunderts unter Königin Christina. Ursprünglich vor dem Stadtgraben angelegt, um Seeleute, Handwerker und Tagelöhner unterzubringen, behielt sich die Krone das Recht vor, die Hütten im Falle einer feindlichen Belagerung jederzeit niederzubrennen. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert strömten zahllose Arbeiter nach Göteborg und verwandelten das Areal in ein dicht gedrängtes Arbeiterviertel.
Um 1962 war das Viertel stark heruntergekommen. Ein Sanierungsplan der Stadt sah vor, weite Teile Hagas dem Erdboden gleichzumachen. Doch eine Welle des Bürgerprotests wendete das Blatt.
1970 schlossen sich engagierte Bürger zur Haga-Gruppe zusammen, um gegen den Kahlschlag zu kämpfen. Mit Erfolg: Bis Ende der 1970er-Jahre konnten sie den Flächenabriss stoppen. In den 1980er-Jahren wurde die verbliebene historische Bausubstanz behutsam saniert und neu genutzt, das bauliche Erbe des Viertels war gerettet.
Schwedische Fika und die Riesenzimtschnecke
Heute pulsiert das Leben rund um die Haga Nygata, eine verkehrsberuhigte Flaniermeile voller unabhängiger Boutiquen, Vintage-Läden und traditioneller Bäckereien. Sie ist ein beliebter Anziehungspunkt für Kulturbegeisterte und die schwedische Fika, jene geheiligte Kulturinstitution der Kaffeepause mit süßem Gebäck.
Der Duft von frisch gebackenem Zimt, Kardamom und geröstetem Kaffee weht aus den Cafés und prägt die Atmosphäre der Gassen. Die unangefochtene Ikone dieses Genusses ist die Hagabulle, berühmt geworden im Café Husaren. Mit einem Durchmesser von rund 25 Zentimetern ist diese gigantische Zimtschnecke kaum allein zu bezwingen und wird meist zu zweit oder dritt geteilt.
Ein kurioses geografisches Detail am Rande: Das Gebiet der Kirchengemeinde Haga hält den Rekord als flächenmäßig kleinste Gemeinde in ganz Schweden.
FAQ
Was ist ein Landshövdingehus?
Ein Landshövdingehus (Landeshauptmannshaus) ist ein für Göteborg typischer Baustil mit einem Erdgeschoss aus Ziegel oder Stein und zwei aufgesetzten Obergeschossen aus Holz. Er entstand, um die Brandschutzvorschriften des 19. Jahrhunderts zu umgehen, die Holzbauten auf maximal zwei Etagen beschränkten.
Wo gibt es die riesige Zimtschnecke in Haga?
Die als Hagabulle bekannte Riesenzimtschnecke wird im Café Husaren in der Haga Nygata gebacken und serviert. Sie hat einen Durchmesser von rund 25 Zentimetern und wird meist geteilt.
Warum sollte Haga beinahe abgerissen werden?
Um 1962 war das Viertel stark baufällig, und ein städtischer Sanierungsplan sah den vollständigen Abriss vor. Gerettet wurde Haga durch engagierte Bürger, die sich 1970 zur Haga-Gruppe zusammenschlossen und die Zerstörung erfolgreich verhinderten.
