
Der Höllenhof: Quedlinburgs ältestes Fachwerkdenkmal
Quedlinburgs ältestes Fachwerkhaus versteckt seine größte Besonderheit hinter einer wehrhaften Steinmauer. In der Straße Hölle 11, direkt östlich des Marktplatzes, bildet der Höllenhof ein architektonisches Bindeglied. Das UNESCO-geschützte Gebäude zeigt eindrucksvoll, wie sich Quedlinburg von den romanischen Steinhöfen des 13. Jahrhunderts zu der dichten Fachwerkidylle entwickelte, die die Stadt heute prägt.
Ein Haus mit zwei Gesichtern
Der Höllenhof ist berühmt für seinen bemerkenswerten Zwitterbau. Von der Straße aus wirkt das Gebäude wie eine trutzige Steinburg. Die Fassade besteht aus rauem, massivem Sandstein-Bruchsteinmauerwerk, durchbrochen von romanischen und gotischen Rund- und Spitzbögen.
Hinter dieser schweren Hülle verbirgt sich ein mittelalterliches Geheimnis. Wer den Innenhof betritt, blickt auf freiliegendes, mehrgeschossiges Fachwerk und historische Holzbalkendecken. Diese Holzkonstruktion aus dem 13. Jahrhundert blieb jahrhundertelang verborgen, bis moderne Bauforscher ihr auf die Schliche kamen. Dendrochronologische Untersuchungen datieren die ältesten Bauhölzer auf die Zeit zwischen 1215 und 1230. Damit ist der Höllenhof offiziell Quedlinburgs ältester erhaltener Profanbau und das älteste Fachwerkgebäude der Stadt. Das obere Fachwerk und der Dachstuhl kamen um 1300 bis 1301 hinzu.
Jahrhunderte bürgerlichen Lebens
In drei großen Bauphasen noch vor der Fertigstellung der äußeren Quedlinburger Stadtmauer errichtet, taucht das Anwesen erstmals 1233 in einer Urkunde auf, verknüpft mit dem Tuchhändler Thankolf und seiner Frau Swanhild. Über die Jahrhunderte wechselte der Höllenhof mit dem Wandel der Stadt immer wieder Besitzer und Funktion. Anfang des 16. Jahrhunderts diente er als Herberge für die geistliche Bruderschaft domus Corporis Christi.
Später im 16. Jahrhundert wurde das Anwesen unter dem Stadtvogt Friedrich Quenstedt zum Brauhof. Im 17. und 18. Jahrhundert nutzten Stadtschreiber und Kämmerer das Gebäude als Wohn- und Verwaltungssitz. Zu dieser Zeit entstand auch eine Schwarzküche mit offener Feuerstelle. Die Spuren der Rauchabzugsnische aus dem 17. Jahrhundert sind noch heute zu erkennen.
Vom Stummfilm zur Wiederbelebung
Das 19. und 20. Jahrhundert brachte weitere Umbauten: Teile des Gebäudes wurden zu Mietwohnungen und einem Gasthaus umfunktioniert. 1888 entstand im Innenhof ein Saalanbau. Die größte Überraschung folgte 1909, als dieser Saal zum Kinosalon Fürstenhof wurde, Quedlinburgs erstem noblen Lichtspielhaus zu den Pionierzeiten des Stummfilms.
In den späten DDR-Jahren dienten Teile des Gebäudes als Schulungsraum einer Genossenschaft, und die historische Bausubstanz verfiel zusehends. Nach gründlicher Erforschung durch das Deutsche Fachwerkzentrum Quedlinburg ab 2002 folgte zwischen 2005 und 2007 die denkmalgerechte Gesamtsanierung. Heute beherbergen Erd- und Untergeschoss ein Architekturbüro, während in den oberen Etagen gewohnt wird.
Das Geheimnis des Namens
Schon der Straßenname „Hölle“ ist ein echtes historisches Kuriosum. Frühe lateinische Urkunden verzeichneten den Ort bereits 1233 als Infernus (Hölle). Über den Ursprung dieses markanten Namens wird bis heute leidenschaftlich gestritten. Manche Historiker vermuten dahinter eine dunkle, enge mittelalterliche Gasse. Andere leiten ihn vom alten Wortstamm für „hell“ ab, als Sinnbild für den Aufstieg aus der feuchten Bachniederung hinauf ans Licht.
FAQ
Wie alt ist der Höllenhof in Quedlinburg?
Dendrochronologische Untersuchungen belegen, dass die ältesten Bauhölzer des Höllenhofs zwischen 1215 und 1230 verbaut wurden. Das obere Fachwerk und der Dachstuhl kamen um 1300 bis 1301 hinzu. Damit ist er das älteste erhaltene Fachwerkgebäude der Stadt.
Warum wirkt der Höllenhof von der Straße aus wie ein Steinbau?
Der Höllenhof besitzt eine außergewöhnliche Mischbauweise: Zur Straßenseite zeigt er dicke romanische Sandsteinaußenmauern, während sich zum Innenhof hin ein mehrgeschossiges Fachwerk öffnet. Dieser hölzerne Kern blieb verborgen, bis die moderne Bauforschung ihn ans Licht brachte.
Wie wird der Höllenhof heute genutzt?
Nach einer umfassenden Sanierung zwischen 2005 und 2007 dienen das Erd- und Untergeschoss des Höllenhofs als Büroräume eines Architekturbüros, während die oberen Etagen privat bewohnt werden.



