
Münzenberg: Quedlinburgs historisches Bergdorf
Direkt gegenüber von Quedlinburgs königlicher Machtzentrale liegt ein bescheidenes Fachwerkviertel, das klammheimlich eine komplette Basilika aus dem 10. Jahrhundert verschluckt hat. Der Münzenberg bildet den baulichen wie historischen Gegenpol zum Quedlinburger Schlossberg. Während oben die aristokratische Macht der Ottonen thronte, entwickelte sich der Münzenberg zu einer eigenständigen Siedlung für einfache Leute.
Eine Arbeitersiedlung auf königlichen Ruinen
Die Geschichte des Münzenbergs beginnt im Jahr 986. Zu Ehren ihres Bruders, Kaiser Otto II., gründete Äbtissin Mathilde auf dem 153 Meter hohen Hügel das Benediktinerinnenkloster St. Marien. Während der Reformation zwischen 1525 und 1536 wurde die Anlage schließlich aufgegeben.
Im späten 16. Jahrhundert erlaubte Äbtissin Elisabeth II. armen Familien, fahrenden Handwerkern und Musikanten, sich auf dem Berg niederzulassen. Die mächtigen Kirchenruinen wurden kurzerhand aufgeteilt und in private Wohnhäuser verbaut. Heute säumen rund 65 schlichte, zweigeschossige Fachwerkhäuschen die engen Kopfsteinpflastergassen.
Die versteckte ottonische Basilika
Über 400 Jahre lang blieben bedeutende Teile der monumentalen ottonischen Basilika aus dem 10. Jahrhundert völlig im Verborgenen. Rundbögen, Steinsäulen und Krypten dienten in den Wohnhäusern des Münzenbergs ganz profan als Vorratskammern, Keller oder schlicht als Wohnzimmerwände.
1994 begannen Professor Siegfried Behrens und seine Frau Dorothea, nach und nach Grundstücke aufzukaufen, um die verschüttete Architektur systematisch freizulegen und zu restaurieren. 2006 gingen die Gebäude in eine Stiftung über, aus der das Münzenbergmuseum entstand. Seit der vollständigen Eröffnung 2015 sind hier die wiederentdeckte West- und Ostkrypta, Teile des Langhauses und archäologische Nischen zu sehen.
Weite Blicke und stille Gassen
Um auf den Münzenberg zu gelangen, musst du erst einmal Stufen steigen, etwa über die Schultreppe mit ihren gut 107 Stufen oder die 88 Stufen der Wassertreppe. Die schmalen Steintreppen führen direkt in winzige Fachwerkgassen, in denen die dichte Bebauung jedes Geräusch dämpft.
Ganz unvermittelt weiten sich die engen Pfade und geben den Blick frei über das Tal. Von hier oben hast du eine fantastische Aussicht auf die Stiftskirche St. Servatii auf dem Schlossberg, die zum UNESCO-Welterbe gehört. Heute ist die Kuppe ein friedliches Wohnviertel mit einigen Ferienwohnungen.
Münzenberger Musikanten und lokale Legenden
Um das Jahr 1000 noch als „mons occidentalis“ (westlicher Hügel) bekannt, geht der spätere Name Münzenberg auf eine Verballhornung des mittellateinischen „mons Sion“ (Berg Zion) zurück.
Bekanntheit erlangte das Viertel einst durch die „Münzenberger Musikanten“, fahrende Blech- und Holzbläser, die durch die Lande zogen und auf Festen aufspielten. Ein bronzener Brunnen auf dem Quedlinburger Marktplatz erinnert bis heute an sie.
Lokale Anekdoten verdeutlichen den einst krassen Kontrast zwischen dem armen Hügel und der wohlhabenden Stadt im Tal. Der Überlieferung nach hielten Väter auf dem Münzenberg ihre Neugeborenen aus dem Fenster in Richtung Stadt und verkündeten im örtlichen Platt: „Alles, was du siehst, gehört dir, lass dich nur nicht erwischen!“
FAQ
Wie kommt man auf den Münzenberg in Quedlinburg?
Der Berg ist vor allem über Fußgängertreppen erreichbar, allen voran über die Schultreppe mit 107 bis 108 Steinstufen und die Wassertreppe mit 88 Stufen. Von Westen aus gibt es zudem eine Zufahrt für Fahrzeuge.
Was ist das Münzenbergmuseum?
Das 2015 vollständig eröffnete Münzenbergmuseum zeigt die freigelegten Überreste der ottonischen Klosterkirche St. Marien aus dem 10. Jahrhundert. Die Ruinen, darunter Krypten und Teile des Langhauses, waren über 400 Jahre lang in privaten Wohnhäusern verborgen, bevor sie restauriert wurden.
Wer waren die Münzenberger Musikanten?
Die Münzenberger Musikanten waren fahrende Blech- und Holzbläser, die in der Siedlung lebten und in der Region zum Musizieren gebucht wurden. Sie inspirierten einen Bronzebrunnen, der heute auf dem Quedlinburger Marktplatz zu sehen ist.
Wie kam der Münzenberg zu seinem Namen?
Der Name geht auf eine Verballhornung des mittellateinischen Begriffs „mons Sion“ (Berg Zion) zurück. Um 1000 n. Chr. war die Anhöhe schlicht als „mons occidentalis“ oder westlicher Hügel bekannt.



