Chiesa dei Santi Vincenzo e Anastasio, Ascoli Piceno - Ascoli-piceno
© Wikimedia Commons | CC-BY-SA
Ziel

Chiesa dei Santi Vincenzo e Anastasio, Ascoli Piceno

Ascoli-piceno, Italy

Die Travertinfassade und die Armenbibel

Die Chiesa dei Santi Vincenzo e Anastasio erhebt sich am nördlichen Rand der Piazza Ventidio Basso in Ascoli Piceno, direkt an der historischen Route zur römischen Brücke Ponte di Solestà. Geweiht dem heiligen Vinzenz von Saragossa und dem heiligen Anastasius dem Perser, verbindet der Bau frühe romanische Fundamente mit gotischen Umbauten des 14. Jahrhunderts, kunstvoll gefügt aus regionalem Travertin.

Ihr markantestes Merkmal ist die flache, rechteckige Fassade, die wie ein Schachbrett in 64 quadratische Travertinfelder unterteilt ist, gerahmt von sich kreuzenden Reliefleisten. Im 14. und 15. Jahrhundert trug jedes einzelne dieser Steinquadrate ein Fresko mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Gedacht als Biblia pauperum, eine Armenbibel unter freiem Himmel für das Volk, wurden die Malereien über die Jahrhunderte von Wind und Wetter schlicht weggewaschen. Zurück blieben nackte Steinrahmen. Ein solches Fassadenraster ist in der mittelalterlichen Architektur eine echte Rarität: In Ascoli Piceno gibt es nichts Vergleichbares, und selbst in der weiteren Region finden sich Parallelen allenfalls an Kirchen wie San Rufino in Assisi oder San Pietro in Spoleto.

Über dem Hauptportal prangt als Fertigstellungsdatum das Jahr 1306. Gerahmt von gewundenen Säulchen und steinernen Löwen blickt aus der gemeißelten Lünette eine Madonna mit Kind herab, flankiert von den beiden Schutzpatronen der Kirche.

Vom frühchristlichen Oratorium zur dreischiffigen Kirche

Die Geschichte des Ortes reicht bis ins 4. bis 6. Jahrhundert zurück, als hier ein frühchristliches Hypogäum oder Oratorium für Taufen und gemeinsame Gottesdienste entstand. Im 11. Jahrhundert errichtete man direkt über dem unterirdischen Heiligtum eine einschiffige romanische Kirche samt freistehendem Glockenturm.

Zwischen dem späten 13. Jahrhundert und dem Jahr 1389 folgte der große Umbau: Die Kirche wurde auf drei Schiffe erweitert, der zuvor freistehende Glockenturm in die Flanke der Fassade integriert und jene unverwechselbare Front mit den 64 Feldern hochgezogen. Im 16. Jahrhundert übertünchte man die Wandfresken im Inneren mit weißer Farbe. Nachdem die Erdbeben von 1997 in Mittelitalien Schäden hinterlassen hatten, wurde das Travertinmauerwerk aufwendig gesichert und gereinigt.

Der Innenraum und die Krypta von San Silvestro

Im Inneren öffnet sich eine dreischiffige Halle mit offenem Holzdachstuhl und kahlen Steinwänden, die jeden Laut hallend durch den Raum tragen. Am Kopfende erhebt sich das Presbyterium direkt über der Krypta von San Silvestro aus dem 6. Jahrhundert. Unter ihren niedrigen Steingewölben fällt die Temperatur spürbar ab.

Hier unten liegt der Pozzo di San Silvestro, ein in den Fels geschlagenes Becken von etwa 60 mal 60 Zentimetern Grundfläche und 80 Zentimetern Tiefe, zu dem vier Steinstufen hinabführen. Das gesamte Mittelalter hindurch galt das Wasser dieser unterirdischen Quelle als Heilmittel gegen Hautkrankheiten wie Lepra und Krätze. Die Quelle sprudelte ununterbrochen, bis man sie 1895 gezielt umleitete. Um sie vor der feuchten Kälte des Untergrunds zu retten, wurden die Fresken aus dem 14. Jahrhundert mit Szenen aus der Silvesterlegende von den Kryptawänden abgenommen. Heute sind sie im Diözesanmuseum von Ascoli Piceno zu sehen.

Rolle im Stadtleben und Besuch

Historisch bildete die Kirche den festen Ankerpunkt der Piazza Ventidio Basso, dem wichtigsten Marktplatz und Treffpunkt des mittelalterlichen Ascoli Piceno. An diesem städtischen Schnittpunkt verbindet sie die monumentalen Zentren der Piazza del Popolo und Piazza Arringo mit dem Viertel Rua delle Torri und dem nördlichen Stadtausgang über den Fluss Tronto an der Porta Solestà.

Die Kirche untersteht der Diözese Ascoli Piceno und gehört zur Pfarrei San Pietro Martire. Im Rahmen regionaler Kulturinitiativen wie Chiese Aperte: Sulle vie del Romanico Ascolano halten Freiwillige die Kirche in den Sommermonaten für Besucher offen. Außerhalb der Hauptsaison öffnet sie an ausgewählten Wochenenden oder nach Voranmeldung.

FAQ

Warum ist die Fassade in 64 leere Steinfelder unterteilt?

Im 14. und 15. Jahrhundert war jedes der 64 Travertinfelder mit einem Fresko bemalt, das Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zeigte. Gedacht als Armenbibel unter freiem Himmel (*Biblia pauperum*), wurden die Bilder durch Verwitterung über die Jahrhunderte hinweg abgewaschen. Zurück blieben nur die nackten Steinquader.

Was ist der Pozzo di San Silvestro?

Der Pozzo di San Silvestro ist ein 60 mal 60 Zentimeter großes, in den Fels gehauenes Becken in der Krypta aus dem 6. Jahrhundert. Es fasste eine aktive unterirdische Quelle, deren Wasser man historisch heilende Kräfte gegen Hautkrankheiten wie Lepra und Krätze nachsagte, bis der Zufluss 1895 umgeleitet wurde.

Wo befinden sich die originalen Fresken der Krypta heute?

Ein Freskenzyklus aus dem 14. Jahrhundert mit Szenen aus der Silvesterlegende wurde zum Schutz vor der Feuchtigkeit von den Kryptawänden abgenommen und ist heute im Diözesanmuseum von Ascoli Piceno ausgestellt.

More places in Ascoli-piceno