
Kathedrale Santa Maria Assunta in Cividale
Historische Ursprünge und Architektur
Die Kathedrale Santa Maria Assunta bildet das Herzstück der Piazza del Duomo in Cividale del Friuli, direkt gegenüber dem Palazzo Comunale aus dem 13. Jahrhundert und gleich neben dem Museo Cristiano. Die Geschichte dieses Ortes reicht bis ins Jahr 737 zurück. Damals verlegte Patriarch Calixtus den Sitz des Patriarchats von Aquileia hierher in die Stadt, die zu dieser Zeit Civitas Austriae hieß. Ein Schachzug, der Cividale für Jahrhunderte zum geistlichen Machtzentrum der Region machte.
Ab 1457 verpassten die Architekten Bartolomeo delle Cisterne und Pietro Lombardo dem Gotteshaus einen umfassenden Umbau. Ihr Entwurf verschmolz venezianische Gotik mit Elementen der Renaissance und schenkte der Kathedrale die helle Steinfassade, die bis heute den Hauptplatz beherrscht.
Die Pala di Pellegrino II
Im Inneren wartet das Glanzstück: die Pala di Pellegrino II, ein getriebenes und vergoldetes Silberaltarretabel, das Patriarch Pellegrino II. um 1200 in Auftrag gab. Das Werk misst rund einen mal zwei Meter und besteht aus 123 Silberblechen auf einem Holzkern. Es zeigt eine zentrale Madonna mit Kind, flankiert von den Erzengeln Michael und Gabriel, dazu 25 namentlich benannte Heilige, gerahmte Medaillons mit Propheten und Christus in der Deesis sowie Patriarch Pellegrino II. höchstpersönlich, der demütig zu Füßen der Jungfrau kniet.
Ursprünglich war das Prachtstück als Antependium gedacht, also als Verkleidung für die Altarfront. Im 16. Jahrhundert wanderte es dann nach oben und dient seither als Altaraufsatz. Heute steht es wohlbehütet in einer beleuchteten Vitrine aus Sicherheitsglas auf dem Hochaltar im Chor.
Bewegliche Lettern vor Gutenberg
Die lateinischen Inschriften auf der Pala di Pellegrino II sind eine echte typografische Sensation. Epigrafiker sehen in den Texten, die neben den Namen der Heiligen auch ein zehnzeiliges leoninisches Weihegedicht umfassen, einen der frühesten Belege für den Einsatz beweglicher Lettern im lateinischen Abendland. Um das Jahr 1200 vollendet, nehmen die Inschriften die Erfindung des Buchdrucks von Johannes Gutenberg um rund 250 Jahre vorweg.
Anders als Gutenberg, der bewegliche Metall-Lettern goss, um Druckerschwärze auf Papier zu pressen, griff der Handwerker in Cividale zu Negativpunzen. Buchstabe für Buchstabe schlug er die gotischen Majuskeln von hinten in das Silberblech, sodass sie auf der Vorderseite im Relief hervortraten. Bis heute sieht man um den Text herum die feinen rechteckigen Abdrücke, die die Kanten der Schlagstempel im Metall hinterlassen haben.
Den endgültigen Beweis für diese Technik lieferte ein mikroskopisch kleiner Werkzeugfehler: Eine winzige Scharte am Buchstaben „R“ taucht in den Inschriften immer wieder auf. Der Meister schlug also wiederholt denselben, leicht beschädigten Stempel ins Silber, anstatt jedes Zeichen einzeln von Hand zu gravieren. Das zehnzeilige Gedicht auf den Silberstreifen endet übrigens mit einem handfesten Fluch für jeden, der es wagen sollte, das Altarbild zu beschädigen oder zu entweihen.
Heutige Nutzung und Traditionen
Die Kathedrale Santa Maria Assunta ist bis heute das lebendige geistliche Zentrum von Cividale. Neben den täglichen Gottesdiensten wird hier jedes Jahr am 6. Januar (Epiphanias) ein ganz besonderes Spektakel gefeiert: die historische Messa dello Spadone, die Schwertmesse. Diese feierliche bürgerlich-religiöse Liturgie wird hier bereits seit 1366 zelebriert.
FAQ
Welche typografische Bedeutung hat die Pala di Pellegrino II?
Das Altarretabel zeigt lateinische Inschriften aus der Zeit um 1200, die mit einzelnen, wiederverwendbaren Metallstempeln nacheinander in Silberblech geschlagen wurden. Das belegt die Nutzung beweglicher Lettern rund 250 Jahre vor Johannes Gutenberg.
Wie wies die Forschung nach, dass auf dem Silberaltar bewegliche Lettern genutzt wurden?
Epigrafiker entdeckten eine mikroskopisch kleine Scharte am Buchstaben „R“, die sich im gesamten Text wiederholt. Das beweist, dass die Inschrift mit einem einzigen beschädigten Schlagstempel geprägt und nicht Buchstabe für Buchstabe von Hand graviert wurde.
Welche historische Liturgie wird jedes Jahr in der Kathedrale gefeiert?
In der Kathedrale wird jedes Jahr am 6. Januar die Messa dello Spadone (Schwertmesse) gefeiert, ein bürgerlich-religiöser Gottesdienst, der bis ins Jahr 1366 zurückreicht.
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