
Tempietto Longobardo: Langobardische UNESCO-Kunst in Cividale
Langobardisches Meisterwerk über dem Natisone
Hoch auf einer Felsklippe über der Schlucht des Natisone in Cividale del Friuli thront der Tempietto Longobardo, auch bekannt als Oratorio di Santa Maria in Valle. Er zählt zu den bedeutendsten erhaltenen Monumenten des europäischen Frühmittelalters. Erbaut in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts (meist um 750–760 n. Chr. datiert), steht er an der Stelle der einstigen Gastaldaga, dem Verwaltungssitz des langobardischen königlichen Statthalters (Gastald). Ursprünglich als private Pfalzkapelle für die königlichen oder herzoglichen Herrscher errichtet, verkörpert das Bauwerk die kulturelle Blütezeit der Langobardischen Renaissance.
Im Jahr 2011 erlangte die Kapelle weltweite Anerkennung, als sie als Kernstück der UNESCO-Welterbestätte Die Langobarden in Italien: Orte der Macht (568–774 n. Chr.) eingetragen wurde. Ihre Lage in Cividale del Friuli besitzt enormes historisches Gewicht: Das römische Forum Iulii wurde 568 n. Chr. von König Alboin zum Sitz des allerersten langobardischen Herzogtums in Italien auserkoren, eine befestigte Bastion zur Sicherung der Zugangswege aus den nordöstlichen Alpen.
Architektur und Materialien
Der Grundriss des Tempietto Longobardo besteht aus einem hohen, quadratischen Hauptraum (Aula), den ein Kreuzgewölbe überspannt. Daran schließt sich ein niedrigeres, rechteckiges Presbyterium an, das in drei parallele Schiffe mit Tonnengewölben unterteilt ist.
Getrennt werden diese Schiffe durch wiederverwendete antike Säulen (Spolien) aus prokonnesischem Marmor mit klassischen korinthischen Kapitellen. Diese Verschmelzung römischer Bauelemente mit frühmittelalterlicher Gestaltung unterstreicht die faszinierende Synthese aus antiker Bautradition und germanischem Herrschaftsanspruch.
Die monumentalen Stuckfiguren
Das berühmteste Detail des Tempietto erwartet dich an der westlichen Eingangswand: sechs monumentale weibliche Hochrelief-Figuren, über 1,10 Meter groß. Als zwei Dreiergruppen flankieren sie ein Rundbogenfenster und zeugen von meisterhafter Handwerkskunst. Geformt wurden sie über Holzarmierungen, die direkt im Mauerwerk verankert sind, aus einer speziellen Mischung aus Kalk, Gips und feinstem Marmorstaub.
Wer diese Frauen waren, bleibt bis heute ein ungelöstes Rätsel der Geschichte. Die äußeren vier tragen byzantinisch anmutende Kaiserkronen sowie Perlenkrägen und halten Märtyrerkreuze und Kränze in den Händen. Die beiden mittleren Figuren hingegen sind in klösterliche Schleier gehüllt und wenden sich in betender Haltung dem Fenster zu. Spuren im Mauerwerk deuten darauf hin, dass einst auch die Nord- und Südwand mit passenden Stuckreliefs geschmückt waren, während über dem Bogen des Presbyteriums wohl eine Verkündigung oder ein Christus in der Glorie thronte.
Über dem Eingangsportal zieht sich ein durchbrochener Weinrankenfries (Tralcio vitineo) mit plastischen Trauben und Rosetten entlang. In der ursprünglichen Fassung hatten die Kunsthandwerker hohle Glaskugeln in die Mitten der Rosetten eingesetzt, die das flackernde Kerzenlicht im gesamten Raum funkeln ließen.
Fresken und gotische Ergänzungen
Unter dem Stuck sind noch Fragmente der ursprünglichen Wandmalereien aus dem 8. Jahrhundert sichtbar. Zu diesen frühen Fresken gehören Darstellungen von Märtyrern sowie Christus als Logos, flankiert von den Erzengeln Michael und Gabriel.
Jahrhunderte später, in der Zeit der Gotik, erhielt der untere Wandbereich ein geschnitztes Chorgestühl aus Walnussholz (Coro ligneo). Diese Holzarbeiten aus dem 14. Jahrhundert verleihen dem Raum eine spätmittelalterliche Ebene, die den Erschütterungen schwerer Erdbeben in den Jahren 1222, 1279 und 1511 standhielt.
Klostergeschichte und heutiger Zugang
Bereits im 9. Jahrhundert wurde die Kapelle dem Benediktinerinnenkloster Santa Maria in Valle einverleibt, einem Konvent für langobardische Adlige. Im 19. Jahrhundert ging die Leitung an die Ursulinen über. 1891 der Gemeinde Cividale gestiftet, öffnete das Monument 1893 erstmals für die Öffentlichkeit. Die klösterliche Nutzung endete 1999 vollständig, bevor die Stadt 2001 den gesamten Klosterkomplex übernahm.
Heute steht der Tempietto Longobardo ganzjährig als Museum im Kloster Santa Maria in Valle offen. Nach umfassenden Restaurierungsarbeiten an Stuck, Fresken und Oberflächen in den Jahren 2024 und 2025 bildet er ein Highlight der langobardischen Museumsroute von Cividale. Nach der Besichtigung des steinernen Saals führt der Weg auf einen Holzsteg (Passerella pensile), der direkt an der Felswand über den tosenden Wassern des Natisone schwebt und dich zur Piazza San Biagio leitet.
FAQ
Warum ist der Tempietto Longobardo historisch so bedeutend?
Seit 2011 Teil des UNESCO-Welterbes, gilt der Tempietto Longobardo als außergewöhnliches Zeugnis der langobardischen Kunst und Architektur des 8. Jahrhunderts. Im einstigen königlichen Verwaltungsviertel von Cividale del Friuli erbaut, vereint er klassische römische Formen, byzantinischen Faltenwurf und germanische Ornamentik.
Wer sind die sechs Stuckfiguren in der Kapelle?
Die Identität der sechs fast lebensgroßen Frauenfiguren aus Stuck ist bis heute ungeklärt. Die äußeren vier tragen byzantinische Kaiserkronen und halten Märtyrerkreuze, während die inneren beiden in klösterliche Schleier gehüllt sind und sich in anbetender Haltung nach innen wenden.
Welche besondere Verzierungstechnik wurde im Stuckfries angewandt?
Im durchbrochenen Weinrankenfries über dem Eingang saßen ursprünglich hohle Glaskugeln im Zentrum jeder Stuckrosette, die das Kerzenlicht einfingen und im Kirchenraum funkeln ließen.
Wohin führt der Ausgang aus dem Tempietto?
Der Ausgang führt auf einen frei schwebenden Holzsteg hoch über der Schlucht des Natisone, der an der Felswand entlang zur Piazza San Biagio leitet.




