Turiner Dom: Renaissancekunst und das Heilige Grabtuch
Der Turiner Dom, vor Ort als Duomo di Torino oder Cattedrale di San Giovanni Battista bekannt, ist der Sitz des Erzbischofs von Turin. In einem Stadtbild, das fast ausnahmslos von savoyischem Backsteinbarock und gleichförmigen Arkadenstraßen geprägt ist, fällt die Kathedrale als einzige erhaltene bedeutende Renaissancekirche der Stadt sofort ins Auge.
Renaissance-Ursprünge und florentinischer Einfluss
Die Kathedrale steht auf geschichtsträchtigem Boden: direkt über den Überresten eines antiken römischen Theaters und dreier frühchristlicher Basiliken, die dem Erlöser, der Jungfrau Maria und Johannes dem Täufer geweiht waren. Kardinal Domenico della Rovere ließ diese Vorgängerbauten abtragen, um Platz für einen einheitlichen Monumentalbau zu schaffen, der zwischen 1491 und 1498 entstand und 1505 feierlich geweiht wurde.
Der Entwurf wird allgemein dem toskanischen Architekten Meo del Caprina zugeschrieben. Mit ihrer Verkleidung aus hellem weißem Marmor und Bussoleno-Kalkstein galt die Kirche bei ihrer Fertigstellung fast wie ein architektonischer Fremdkörper. Kardinal della Rovere finanzierte das Projekt mit Silber direkt aus Rom und ließ toskanische Steinmetze anreisen, um die feinsinnigen Renaissance-Details der Fassade meißeln zu lassen.
Der Glockenturm und Guarinis Barockkapelle
Direkt neben der Kathedrale ragt der freistehende Backsteinglockenturm Sant'Andrea empor, ursprünglich zwischen 1468 und 1470 erbaut. Der renommierte Hofarchitekt Filippo Juvarra stockte den Campanile 1720 auf und brachte ihn auf eine stolze Endhöhe von rund 60 bis 62 Metern.
An der Rückseite der Kathedrale erhebt sich die kühn gestaffelte Barockkuppel der Grabtuchkapelle (Cappella della Sacra Sindone). Nachdem das Haus Savoyen das Turiner Grabtuch 1578 in die Stadt geholt hatte, wurde eine bauliche Erweiterung in Auftrag gegeben, um der Reliquie einen würdigen Rahmen zu bieten. Zwischen 1668 und 1694 schuf der Architekt Guarino Guarini eine hochgelegene Rotunde, die das Presbyterium der Kathedrale direkt mit dem angrenzenden Turiner Königspalast verband und der Herrscherfamilie einen privaten Zugang zum Heiligtum sicherte.
Der Brand von 1997 und die historische Restaurierung
In der Nacht vom 11. auf den 12. April 1997 verwüstete ein verheerendes Feuer Guarinis Kapelle und brachte die Kuppel an den Rand des Einsturzes. Der Feuerwehrmann Mario Trematore und sein Team zertrümmerten mit Vorschlaghämmern die 39 Millimeter dicke Panzerglasvitrine, um das silberne Reliquiar mit dem Grabtuch zu bergen, nur Minuten bevor Trümmerteile herabstürzten.
Die Feuersbrunst und das kalte Löschwasser lösten einen schweren Thermoschock aus, der mehr als 80 Prozent des historischen Marmors der Kapelle zerspringen ließ. Da sich das Originalgestein nicht einfach durch modernes Material ersetzen ließ, öffneten Restauratoren eigens einen längst stillgelegten Steinbruch im piemontesischen Frabosa neu, um exakt denselben Marmor abzubauen. Die akribische Restaurierung dauerte 21 Jahre, bevor die Kapelle wieder für das Publikum geöffnet werden konnte.
Der Turiner Dom heute
Bis heute dient die Kathedrale als aktive römisch-katholische Kirche mit täglichen Messen und offenen Türen für Besucher. Obwohl die christliche Tradition das im Inneren verwahrte Tuch als das echte Grabtuch Jesu verehrt, eine Zuschreibung, die bis heute Gegenstand historischer und naturwissenschaftlicher Debatten ist, wird es nicht öffentlich gezeigt. Die Reliquie ruht in einem klimatisierten Reliquiar unter der königlichen Tribüne des Doms und wird nur bei seltenen, päpstlich genehmigten Ausstellungen enthüllt. Guarinis restaurierte Kapelle lässt sich heute im Rahmen des Rundgangs durch die Musei Reali besichtigen.
FAQ
Können Besucher das Turiner Grabtuch im Dom besichtigen?
Nein, das Grabtuch ruht in einem versiegelten, klimatisierten Schutzbehälter unter der königlichen Tribüne des Doms und bleibt für die Öffentlichkeit verborgen, abgesehen von seltenen, vom Papst genehmigten Ausstellungen.
Warum ist die Architektur des Doms in Turin so bemerkenswert?
Der Turiner Dom ist die einzige erhaltene bedeutende Renaissancekirche der Stadt. Mit seinem hellen Marmor und dem toskanischen Entwurf bildet er einen auffälligen Kontrast zu einem Stadtzentrum, das fast durchgängig im Stil des savoyischen Barocks angelegt wurde.
Wie wurde die Grabtuchkapelle nach dem Brand von 1997 restauriert?
Da ein Thermoschock über 80 Prozent des Marmors in der Kapelle zerstörte, öffneten Restauratoren eigens einen stillgelegten historischen Steinbruch im piemontesischen Frabosa, um authentischen Stein für das 21 Jahre dauernde Restaurierungsprojekt zu gewinnen.



