
Schwedentor: Rigas letztes erhaltenes Stadttor
Historischer Ursprung und Baugeschichte
Erbaut im Jahr 1698 unter schwedischer Herrschaft, ist das Schwedentor (Zviedru vārti) an der Torņa iela 11 in der Rigaer Altstadt (Vecrīga) heute ein geschütztes Baudenkmal. Von den einst acht Toren, die durch die Befestigungsanlagen der Stadt führten, hat einzig dieses Bauwerk die Jahrhunderte überstanden. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts hatte die mittelalterliche Ringmauer ihre militärische Funktion weitgehend an vorgelagerte Erdbastionen verloren, was Umbauten entlang des gesamten Verteidigungsgürtels nötig machte.
Unter der Leitung des städtischen Ingenieurs Christian Purgold beauftragte die Stadt den Maurermeister Heinrich Henicke mit dem Bau der Durchfahrt. Um einen direkten Verbindungsweg zwischen der innerstädtischen Aldaru iela und den schwedischen Truppen in der Jakobskaserne an der Torņa iela zu schaffen, brachen die Handwerker kurzerhand mitten durch das Privathaus des Kaufmanns Gerd Heidemann. In das neue Bauwerk wurden dabei auch erhaltene Teile des St.-Jürgens-Turms aus dem 13. Jahrhundert integriert.




Title Selbstgeführter stadtrundgang durch Riga mit audioguide
2 Stunden9 StationenAudioguideStarte an jedem Tag, in deinem TempoTicket auf dem Handy · 30 Tage RückerstattungArchitektur und bauliche Details
Anders als die frei stehenden Torbauten des Mittelalters wurde das Schwedentor direkt durch das Erdgeschoss eines bestehenden, bewohnten dreistöckigen Bürgerhauses geschlagen. Diese ungewöhnliche Baumaßnahme vereinte private Wohnräume und städtische Verteidigungsanlagen hinter einer einzigen Fassade.
Der Durchgang besteht aus einem kopfsteingepflasterten, tonnengewölbten Steinbogen. Zu den architektonischen Details gehören verwittertes Mauerwerk aus Saaremaa-Dolomit, Sichtziegel und in Stein gemeißelte Löwenköpfe über dem Bogen, die die schwedische Krone symbolisieren. An der Außenwand zur Trokšņu iela hin stecken bis heute die historischen eisernen Torangeln im Mauerwerk.
Tore, Schlüssel und die Restaurierung im 20. Jahrhundert
Einst unterstand das Schwedentor strenger städtischer Kontrolle. Bei Sonnenuntergang verriegelten Stadtwachen das Tor mit schweren Bolzen, bei Tagesanbruch öffneten sie es wieder. Die offiziellen Torschlüssel wurden im Rigaer Rathaus verwahrt. Dieser Ablauf fand Anfang des 19. Jahrhunderts sein Ende, als die wuchtigen Holzflügel dauerhaft ausgehängt wurden.
In den frühen 1920er-Jahren war das umgebende Bauwerk stark verfallen. Zwischen 1924 und 1926 erwarb die Gesellschaft lettischer Architekten den Komplex. Unter der Leitung des Architekten Aleksandrs Trofimovs wurde das Gebäude zum Haus der Architekten (Arhitektu nams) umgebaut. Dabei rettete man historische Bauelemente aus abgerissenen Bürgerhäusern ganz Rigas und fügte sie hier ein. In den 1950er-Jahren folgten weitere Anbauten nach Entwürfen des Architekten Artūrs Reinfelds.
Heutige Nutzung und historisches Umfeld
Heute ist das Schwedentor ein zentraler architektonischer Fixpunkt im nördlichen Abschnitt der ehemaligen Stadtbefestigung. Direkt gegenüber der langgestreckten Front der Jakobskaserne und nur wenige Schritte westlich des Pulverturms aus dem 14. Jahrhundert gelegen, bildet es das am besten erhaltene Wehrbau-Ensemble der Stadt.
Der tonnengewölbte Bogen ist rund um die Uhr als öffentlicher Fußgängerdurchgang geöffnet. Das Gebäude an der Torņa iela 11 dient als Hauptsitz des Lettischen Architektenverbands und beherbergt Büros, eine Architektur-Fachbibliothek sowie Ausstellungsräume.
Sagen und Legenden rund um das Schwedentor
Um das Tor ranken sich gleich mehrere Legenden. Die bekannteste erzählt von einer jungen Rigaerin, die sich heimlich mit einem schwedischen Soldaten traf und damit gegen die Verordnungen des Rates verstieß. Zur Strafe für diese verbotene Liebe wurde sie der Sage nach lebendig im Mauerwerk des Tores eingemauert. Wer um Mitternacht hindurchgeht, so heißt es, kann dort noch heute ihr Flüstern hören.
Eine andere Geschichte erzählt von einem Kaufmann, der die Durchfahrt eigenmächtig durch sein eigenes Haus gebrochen habe, um die Zölle am nahen Sandtor zu umgehen, und danach selbst illegalen Wegezoll kassierte. Zudem hält sich die Überlieferung, dass der Scharfrichter von Riga direkt über oder neben dem Torbogen an der Trokšņu iela wohnte und am Abend vor einer Hinrichtung stets eine einzelne rote Rose auf seine Fensterbank legte.
FAQ
Warum wurde das Schwedentor 1698 erbaut?
Der Stadtrat und Ingenieur Christian Purgold ließen das Tor mitten durch ein privates Wohnhaus brechen, um einen direkten Zugang zwischen der Aldaru iela innerhalb der Mauern und den Truppen in der Jakobskaserne an der Torņa iela zu schaffen.
Was macht die Architektur des Schwedentors so besonders?
Statt als frei stehendes Torhaus errichtet zu werden, wurde das Schwedentor direkt durch das Erdgeschoss eines bewohnten dreistöckigen Privathauses gebrochen. Dabei bezog man Teile des mittelalterlichen St.-Jürgens-Turms mit ein.
Wie wird das Schwedentor heute genutzt?
Der Bogen dient rund um die Uhr als öffentlicher Durchgang für Fußgänger zwischen der Torņa iela und der Trokšņu iela. Das angrenzende Gebäude beherbergt den Sitz und die Bibliothek des Lettischen Architektenverbands.


