Cervantes-Statue in Ulcinj: Mythos und Geschichte - Ulcinj
© Matěj Baťha | CC BY-SA 3.0
Ziel

Cervantes-Statue in Ulcinj: Mythos und Geschichte

Ulcinj, Montenegro

Das Denkmal in der Zitadelle von Ulcinj

Im oberen Innenhof des Palata-Venezia-Komplexes steht das Miguel-de-Cervantes-Denkmal, eine stattliche, 3,6 Meter hohe Bronzeskulptur mitten in der ummauerten Altstadt (Kalaja) des montenegrinischen Ulcinj. Vom einheimischen Hotelier Ćazim Resulbegović in Auftrag gegeben und vom albanischen Künstler Bujar Vani geschaffen, wurde die Statue im Mai 2018 enthüllt.

Die dunkle Bronzefigur ruht auf dem steinernen Pflaster direkt vor den grob behauenen Kalksteinmauern der Zitadelle. Neben den venezianischen Palastfassaden fängt die Skulptur das gleißende Licht der Adriaküste ein und bildet einen markanten Blickfang sowie ein beliebtes Fotomotiv auf dem Rundgang durch die Festung.

Die Korsarenlegende um „Servet“

Nach der osmanischen Eroberung im Jahr 1571 entwickelte sich Ulcinj zu einem berüchtigten Stützpunkt für Korsaren an der Adria. Bis weit ins späte 19. Jahrhundert hinein blühte auf dem Platz der Zitadelle der Sklavenhandel. Der mündlichen Überlieferung zufolge kaperten Freibeuter unter Kapitän Arnaut Mami den spanischen Dichter im Jahr 1575 auf offener See und verschleppten ihn auf Ulcinjs Sklavenmarkt.

Die städtische Legende erzählt von einem Gefangenen namens „Servet“, der bis tief in die Nacht in seiner Kammer schrieb und tagsüber spanische Serenaden für die Frauen sang, die ihn aus den Fenstern beobachteten. Als seine Entführer angeblich Empfehlungsschreiben von König Philipp II. von Spanien bei ihm fanden, witterten sie reiche Beute. Sie stuften ihn als Gefangenen von enormem Wert ein und verlangten ein astronomisches Lösegeld von 500 Goldmünzen. Da die Summe nicht sofort aufzutreiben war, verlängerten sie kurzerhand seine Gefangenschaft.

Dulcinea und die historische Realität

Dieser lokale Mythos reicht bis tief in Cervantes’ Meisterwerk Don Quijote hinein. Nach städtischer Überlieferung war die geliebte Muse des Ritters, Dulcinea von Toboso, von einer Frau aus Ulcinj inspiriert und nach Dulcigno benannt, dem historischen venezianischen Namen der Stadt.

So hartnäckig sich diese romantische Geschichte auch hält, die historischen Dokumente sprechen eine andere Sprache. Archive im gesamten Mittelmeerraum, Lösegeldbelege und Zeugenaussagen belegen eindeutig, dass Cervantes seine fünfjährige Gefangenschaft von 1575 bis 1580 in Algier verbrachte. Kein einziges Dokument verortet ihn je in Ulcinj. Zwar kaperte der historische Korsarenkapitän Arnaut Mami tatsächlich das Schiff von Cervantes, doch die regionale Folklore verlegte Mamis Stützpunkt mit der Zeit einfach an die heimatliche Adria. Auch in der Literaturwissenschaft gilt der Name Dulcinea nicht als Abwandlung von Dulcigno, sondern schlicht als Don Quijotes stilisierte Idealisierung der fiktiven Bauerntochter Aldonza Lorenzo.

Kulturelle Wirkung

Unweit des historischen Sklavenmarkts und des Museumskomplexes der Kirchenmoschee schlägt die Statue eine Brücke zwischen Ulcinjs Korsarenvergangenheit und den lebendigen mündlichen Legenden der Stadt. Die romantische Erzählung von Cervantes und seiner adriatischen Muse prägt das Selbstverständnis von Ulcinj bis heute, von städtischen Theaterstücken bis hin zu Aufführungen auf lokalen Kulturfestivals.

FAQ

War Miguel de Cervantes wirklich in Ulcinj gefangen?

Es gibt keinerlei historische Dokumente oder Archivbelege, die Cervantes in Ulcinj verorten. Offizielle Aufzeichnungen aus dem Mittelmeerraum, Zeugenaussagen und Lösegeldquittungen belegen eindeutig, dass seine fünfjährige Gefangenschaft von 1575 bis 1580 in Algier stattfand.

Wo befindet sich die Cervantes-Skulptur?

Die Bronzeskulptur steht im oberen Innenhof der Palata Venezia innerhalb der ummauerten Altstadt (Kalaja) von Ulcinj in Montenegro.

Was verbindet Ulcinj mit Don Quijotes Dulcinea?

Der lokalen Legende nach wurde Dulcinea von Toboso nach dem venezianischen Namen von Ulcinj benannt, Dulcigno. Die Literaturwissenschaft betrachtet dies jedoch als reine Folklore und sieht in Dulcinea die idealisierte Fassung der fiktiven Bauerntochter Aldonza Lorenzo.

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