
Altstadt von Ulcinj: historische Festungsmauern
Geschichtetes Mauerwerk und zyklopische Fundamente
Die Altstadt von Ulcinj, von den Einheimischen Kalaja oder Stari Grad genannt, thront auf einer zerklüfteten Felsnase hoch über der Adria und der Bucht von Mala Plaža und Pristan. Auf rund drei Hektar drängen sich die Gassen der befestigten Siedlung, umschlossen von massiven Wehrmauern, in denen 2.500 Jahre mediterrane Militärarchitektur stecken.
Das eigentliche Markenzeichen dieser Festungswälle ist ihr Mauerwerk, Schicht für Schicht durch die Epochen gestapelt. Auf den untersten Ebenen liegen gewaltige Megalithen aus Trockenstein, oft als Zyklopenmauerwerk bezeichnet. Von den frühen Baumeistern ganz ohne Mörtel gefügt, tragen diese grob behauenen Kolosse die späteren Schichten: römisches und byzantinisches Mauerwerk, mittelalterliche Lagen, venezianische Quadersteine und die Ausbesserungen der Osmanen.
Zwei Jahrtausende Wehrgeschichte
Die ältesten Befestigungen stammen aus dem 5. und 4. Jahrhundert v. Chr., errichtet von illyrischen Olchiniaten und griechischen Baumeistern. Im 2. Jahrhundert v. Chr. eroberten die Römer die Siedlung und tauften sie Olcinium. Später bauten die Byzantiner den Ort zu einem maritimen Stützpunkt aus und verpassten Toren und Mauern um das 6. Jahrhundert n. Chr. eine gründliche Runderneuerung.
Zwischen 1360 und 1421 schlug das Adelsgeschlecht der Balšić hier sein Hauptquartier auf, baute die obere Zitadelle aus und errichtete den wuchtigen Wehrturm. Von 1405 bis 1571 herrschte Venedig über das Bollwerk, das damals zu Albania Veneta gehörte. Die Venezianer modernisierten die Wehranlagen mit ebenmäßig behauenen Kalksteinquadern und mächtigen Artilleriebastionen, die dem neuen Zeitalter der Feuerwaffen trotzen sollten.
1571 eroberten osmanische Truppen den Komplex und wandelten ihn in einen schwer bewaffneten Marineposten und berüchtigten Korsarenstützpunkt um. Unter ihrer Herrschaft entstanden Wohnhäuser innerhalb der Mauern, beschädigte Abschnitte wurden verstärkt und der Balšić-Turm erhielt ein kuppelgekröntes Obergeschoss. Am 15. April 1979 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,9 die Mauern schwer, was umfangreiche Rekonstruktionen und archäologische Ausgrabungen anstieß.
Wehrarchitektur und verborgene Details
Der befestigte Mauerring besitzt noch heute zwei uralte Zugänge aus dem 6. Jahrhundert: das Obere Landtor in Richtung Festland und das Untere Seetor zum Hafen. Entlang des Rundwegs finden sich Eckbastionen, Geschützstellungen und steile Kurtinen, die senkrecht ins Meer abfallen. Durch die geschwungene Halbinsel und die schroffen Klippen wirkt die Festung wie ein gewaltiges Steinschiff, das für immer auf Grund gelaufen ist.
Entlang des Rundgangs lassen sich ganz besondere bauliche Handschriften entdecken. An der nordöstlichen Bolani-Mauer nahe dem Sklavenplatz verewigte sich der venezianische Kapitän und Rektor Johani Bolani (1452 bis 1456) höchstpersönlich: Er ließ seinen Namen mit roten Ziegelsteinen direkt zwischen die hellen Kalksteinblöcke einsetzen. Eine lokale Legende besagt zudem, dass einst ein Relief von Bindus, der illyrischen Gottheit der Quellen und Gewässer, in die uralten Megalithen gemeißelt war. Archäologisch belegen ließ sich das allerdings bis heute nicht.
Heutige Nutzung
Anders als viele Festungen im Mittelmeerraum, die als leblose Ruinen vor sich hin dämmern, pulsiert hinter den Mauern dieser Altstadt das echte Leben. Entlang der historischen Gassen finden sich bewohnte Steinhäuser, kleine Boutique-Unterkünfte und Restaurants.
Der gesamte Mauerring und die historischen Tore lassen sich frei zu Fuß erkunden. Am höchsten Punkt der Anlage laden die Zitadelle, der Balšić-Turm und das Museum von Ulcinj, untergebracht in einem ehemaligen Kirchen-Moschee-Komplex, zu saisonalen Ausstellungen, literarischen Veranstaltungen und historischen Sammlungen ein.
FAQ
Wie alt sind die Mauern der Altstadt von Ulcinj?
Die ältesten Abschnitte sind rund 2.500 Jahre alt und reichen bis ins 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. zurück, als illyrische Olchiniaten und griechische Baumeister die Fundamente aus zyklopischem Trockenstein legten.
Was ist die Bolani-Mauer?
Die Bolani-Mauer ist ein Teil der nordöstlichen Befestigung nahe dem Sklavenplatz. Hier ließ der venezianische Kapitän und Rektor Johani Bolani in den 1450er-Jahren seinen Namen mit roten Ziegelsteinen verewigen, die zwischen die Kalksteinblöcke eingelassen sind.
Welche Kulturstätten befinden sich in der Zitadelle?
Auf dem Areal der Zitadelle stehen der Balšić-Turm und das Museum von Ulcinj, das in einem ehemaligen Kirchen-Moschee-Komplex untergebracht ist und saisonale Ausstellungen, historische Schauen sowie literarische Veranstaltungen beherbergt.




